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Webfleet Solutions: »Sehen den Sektor Bau als deutlichen ­Wachstumsmarkt«

Im Verbund mit Bridgestone will sich Webfleet Solutions, bekannt als Anbieter vor allem von Flotten-Management-Systemen, zum Mobilitätsdienstleister weiterentwickeln. Wie das umgesetzt und dabei auch die Präsenz in der Baubranche ausgeweitet werden soll, darüber hat im bauMAGAZIN-Interview Chefredakteur Michael Wulf mit Wolfgang Schmid gesprochen, Sales Director für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Webfleet Solutions mit Sitz in Leipzig.

Von Michael Wulf

bauMAGAZIN: Nach der Übernahme von TomTom Telematics durch den weltgrößten Reifenproduzenten Bridgestone und der Umbenennung in Webfleet Solutions hieß es, zusammen wolle man sich zum Mobilitätsdienstleister entwickeln. Was ist mit diesem Begriff konkret gemeint?
Wolfgang Schmid: Würde mir diese Frage auf der Straße gestellt, lautete meine Antwort: Wir sorgen dafür, dass sich die Räder weiterdrehen. Das ist für mich der Ansatz, was Mobilität angeht. Bezogen auf die Zusammenarbeit von Bridgestone und Webfleet Solutions bedeutet es, dass Mobilitätsdienste über den reinen Fahrdienst oder das reine Flotten-Management hinausgehen. Das hat viel mit Planung zu tun, viel mit der Bereitstellung von Daten, unabhängig von der Antriebsart eines Fahrzeuges. Denn zu einem Mobilitätskonzept könnten auch Lastenfahrräder gehören. Deswegen muss der Begriff Mobilität viel weiter gefasst werden. Die Zusammenarbeit von Bridgestone und Webfleet Solutions bietet überdies beste Voraussetzungen, um die Digitalisierung von Mobilität voranzutreiben.

bauMAGAZIN: Wie wichtig sind für Webfleet Solutions Themen wie Effizienz, Sicherheit, Total Cost of Ownership, Nachhaltigkeit, Verkehrsaufkommen etc.?
Schmid: Die klare Antwort darauf lautet: Alle diese Themen sind wichtig. Beispielsweise verbessern wir als Webfleet Solutions mit unseren Lösungen in Kombination mit Bridgestone-Reifen die Sicherheit des Fahrers. Nachhaltigkeit ist darüber hinaus ein großes und wichtiges Thema, ebenso wie die Frage von Effizienzgewinnen bei Zeit, Ressourcen und Kosten. Ich finde aber beispielsweise auch den Gedanken schön, dass wir einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass der Fahrer eine halbe Stunde früher am Abend zu Hause ist und mit seinen Kindern noch Zeit verbringen kann.


bauMAGAZIN: Neue Mobilitätskonzepte werden immer öfter diskutiert. Die Stichworte lauten Urbanisierung, Smart Cars oder Smart Cities. Was kann ein Mobilitätsdienstleiter wie Webfleet Solutions in diese Konzepte einbringen?
Schmid: Wir bieten grundlegende Dienste, um diese im Vergleich zu heute ganz anderen Transportformen überhaupt zu ermöglichen. Wenn man an Smart Cities denkt, an selbstfahrende Fahrzeuge, dann ist es essenziell, dass die Informationen dieser Fahrzeuge vorliegen. Oder nehmen wir das Thema Reifen. Wenn diese Luft verlieren, dann kann der Fahrer diesen Luftdruck nachfüllen. Bei einem selbstfahrenden Fahrzeug ermöglicht unsere Lösung eine sofortige Reaktion und gewährleistet so die weitere Mobilität des Fahrzeuges.

bauMAGAZIN: Seit April 2019 ist Webfleet Solutions Teil von Bridgestone Europe, das in die Übernahme rund 910 Mio. Euro investiert hat. Können Sie noch einmal kurz die wichtigsten Gründe für diese Übernahme erläutern?
Schmid: Bridgestone hatte schon vor der Übernahme den Weg eingeschlagen, Mobilitätsdienstleistungen anzubieten. Um diesen Weg zu beschleunigen, hat Bridgestone einen starken Partner gesucht, der die entsprechende Erfahrung und Expertise mitbringt, und ist so auf TomTom Telematics – wie wir damals hießen – gestoßen.

bauMAGAZIN: Wie beurteilen Sie die Geschäftsentwicklung seit der Übernahme? Welche Synergien wurden angestrebt, welche schon umgesetzt?
Schmid: Beide Unternehmen arbeiten sehr gut und vertrauensvoll zusammen – und das sowohl geschäftsseitig als auch auf Produktebene. Ein gutes Beispiel dabei ist unter anderem die Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks. Da bietet Bridgestone ein großes Portfolio, was Nachhaltigkeit, Dienst an der Gesellschaft oder Schutz der Umgebung und der Ressourcen betrifft. Diese Mission teilen wir. Wir als Webfleet Solutions können die entsprechenden Informationen mit einbringen, wie das Thema Effizienz zeigt: Der Kilometer, der erst gar nicht gefahren wird, weil er optimiert werden konnte, verursacht natürlich auch keine CO₂-Emissionen. Wenn der Kilometer doch gefahren werden muss, man das aber mit energiesparenden Reifen macht, ist der CO₂-Fußabdruck zumindest ein geringerer. Diese Konzepte zusammenzubringen, ist die Mission von Bridgestone als Mobilitätsprovider, in dem die Synergien mit Webfleet Solutions mit Sicherheit groß sind.

bauMAGAZIN: Inwieweit kann Webfleet Solutions vom Know-how eines Weltkonzerns wie Bridgestone profitieren?
Schmid: Bridgestone ist ein wesentlich älteres Unternehmen als Webfleet Solutions. Das bedeutet, wir greifen auf einen großen Erfahrungsschatz zurück, vor allem hinsichtlich Forschung und Entwicklung. Für uns bietet das ein großes Potenzial. Zumal wir die gleiche Vision haben – nämlich das Thema Mobilität zum Vorteil der Gesellschaft voranzubringen.

bauMAGAZIN: Wie sieht es umgekehrt aus: Wie profitierte Bridgestone von Webfleet Solutions?
Schmid: Im Bereich Fahrzeugdaten verfügen wir über eine außergewöhnliche Expertise mit dem entsprechenden Geschäftsmodell. Das hat uns an die führende Position in Europa gebracht. Dieses Wissen und diese Erfahrung übernehmen zu können, bringt Bridgestone ein gutes Stück vorwärts auf seinem Weg.

bauMAGAZIN: Flotten-Management-Lösungen von Webfleet Solutions dienen der Ortung von Fahrzeugen in Echtzeit inklusive aller fahrzeugrelevanten Daten; sie werden als digitales Fahrtenbuch genutzt, zur Kommunikation mit den Fahrern oder zur Erfassung von Arbeitszeiten. In welchen Bereichen wird es Ihrer Ansicht nach in Zukunft Erweiterungen geben oder Neuentwicklungen?
Schmid: Wir entwickeln unsere Produkte laufend weiter. Im Zuge der weiteren Digitalisierung bei unseren Kunden stehen die Integration von Daten in die Unternehmensprozesse und Servicedienstleistungen sowie die Erhöhung der Sicherheit für die Fahrer im Fokus.

bauMAGAZIN: Beispielsweise in der Bauwirtschaft spielen Telematik-Lösungen wie die von Webfleet Solutions eine immer wichtigere Rolle. Wieviel Prozent Ihrer Kunden kommen derzeit aus dem Segment Bau? Wie soll dieser Anteil mittelfristig erhöht werden? Gibt es schon konkrete Zielvorstellungen?
Schmid: Wir sehen den Sektor Bau als deutlichen Wachstumsmarkt. Denn dort sind viele Fahrzeuge in unterschiedlichen Einsatzformen unterwegs: Vom Tieflader, der Erdbewegungsmaschinen transportiert, bis zum »Caddy« für den Transport von Mitarbeitern. Und weil wir als Webfleet Solutions nicht auf eine bestimmte Fahrzeugkategorie festgelegt sind und Hersteller übergreifend unsere Datenservices anbieten können, sehen wir uns auch in der Baubranche in einer guten Position, unsere Kunden mit praxisgerechten Daten zu unterstützen. Das bedeutet, dass wir nicht nur die fahrzeugbezogenen Daten liefern und aufbereiten, sondern auch zusätzliche Services, wie etwa die Arbeitszeiterfassung. Durch Geolokalisierung lassen sich Prozesse im Projekt- und Kosten-Management von Baustellen komfortabler, verlässlicher und vor allem automatisiert bereitstellen. Dieses Wissen kann wieder zu mehr Effizienz führen, weil zum Beispiel Fahrten optimiert werden können. Und genau das ist auch im Baugewerbe zunehmend gefragt. Denn dadurch können Wettbewerbsvorteile generiert werden, die sich in Zeit und Kosten auswirken.

bauMAGAZIN: Wie ist der Vertrieb im deutschsprachigen Raum organisiert? Welches sind die stärksten Märkte für Webfleet Solutions, wo sieht man die größten Wachstumspotenziale?
Schmid: Der Vertrieb läuft über den Fachhandel. Wir haben ein sehr gutes und flächendeckendes Netz an Partnern. Wir sind stolz darauf, als Webfleet Solutions in der DACH-Region das größte Partnernetzwerk zu haben. Unsere Händler haben ein sehr großes Wissen, eine große Beratungskompetenz. Zu unseren Alleinstellungsmerkmalen gehört auch, dass unsere Schnittstellen offen sind, damit andere Systeme angedockt werden können. Bleiben wir beim Beispiel Bau: Um die Kalkulationsgrundlagen zu verbessern, wird man bei unserer Software WEBFLEET kein Abrechnungsmodul für Baustellen finden. Aber es gibt die Schnittstellen zu den entsprechenden Programmen. Dadurch erhöhen wir den Nutzwert für den Kunden.

bauMAGAZIN: Im Jahr 2018 besagte eine Studie, dass sich in Europa die Gesamtmarktdurchdringung der aktiv genutzten Flotten-Management-Systeme von 15 % im Jahr 2017 auf 28,8 % im Jahr 2022 so gut wie verdoppeln wird. Hat sich diese Einschätzung Ihrer Meinung nach bestätigt? Und wo werden wir im Jahr 2030 stehen?
Schmid: Mit Prognosen bin ich sehr zurückhaltend. Was die genannten Zahlen betrifft, finde ich es interessanter und viel spannender, dass rund 72 % der Marktteilnehmer noch überhaupt nicht mit einem Telematiksystem ausgestattet sind. Was bedeutet: Das Wachstumspotenzial ist groß.    m

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