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Liebherr-International: »Wir haben die Krise bislang ganz gut gemeistert«

Die Unternehmensgruppe Liebherr, die 2019 nach einem Plus von 1,199 Mrd. Euro einen Rekordumsatz in Höhe von 11,75 Mrd. Euro erwirtschaftet hat, rechnet in diesem Jahr mit einem Corona-bedingten Umsatzrückgang von etwa 13% – vor allem weil die Sparte Aerospace sehr stark von der Pandemie betroffen ist. Im bauMAGAZIN-Interview Ende Oktober zeigten sich Andreas Böhm als Mitglied des Direktoriums der Liebherr-International AG (Bulle/Schweiz) und Joachim Strobel als Geschäftsführer der Liebherr EMtec GmbH (Kirchdorf/Iller) – der weltweiten Obergesellschaft der Sparte Erdbewegungsmaschinen – gleichwohl zuversichtlich und erläuterten im Gespräch mit Chefredakteur Michael Wulf, dank welcher Maßnahmen Liebherr die Corona-Krise bislang gemeistert hat. Eine wichtige Rolle haben dabei – wie schon in der Finanzkrise 2009 – die finanzielle Unabhängigkeit des Konzerns, dessen dezentrale Unternehmensstruktur sowie die breite Diversifikation gespielt. Joachim Strobel kündigte zudem an, dass Liebherr spätestens 2022 elektrisch angetriebene Kompaktmaschinen, wie Radlader und Teleskoplader, auf den Markt bringen und das neue Bedienkonzept INTUSI beginnend mit der Bauma 2022 im Zuge von Neueinführungen in allen Erdbewegungsmaschinen implementieren wird.

Von Michael Wulf

bauMAGAZIN: Herr Böhm, Herr Strobel, mitten im Corona-Lockdown hat die Unternehmensgruppe Liebherr Anfang April ihren Geschäftsbericht für 2019 mit einem Rekordumsatz von 11,75 Mrd. Euro veröffentlicht. An was haben Sie damals gedacht? Dass es mit den beständigen Umsatzsteigerungen jetzt erst einmal für längere Zeit vorbei ist, oder dass alles halb so schlimm ist und es zu einer schnellen Erholung kommen wird? Oder überwog die Unsicherheit, weil es solch eine Situation wie den Lockdown zuvor noch nicht gegeben hat?

Andreas Böhm: Zunächst ein kurzer Rückblick. Als Gruppe waren wir natürlich unheimlich zufrieden mit dem Jahr 2019. Es war das dritte Jahr hintereinander mit einer ganz signifikanten Umsatzsteigerung. Allerdings haben wir im 4. Quartal bereits Rückgänge bei den Auftragseingängen festgestellt. Wir haben das jedoch als eine Stabilisierung auf sehr hohem Niveau eingeordnet. Die Phase der Hochkonjunktur war für uns also schon vor dem Beginn der Corona-Pandemie beendet. Trotzdem sind wir im 1. Quartal noch davon ausgegangen, in 2020 als Unternehmensgruppe vielleicht noch ein kleines Plus im Vergleich zu 2019 erwirtschaften zu können. Dann kam Corona. Der Ausbruch in China hatte für uns zunächst relativ geringe Auswirkungen. Denn der Lockdown in China fiel in die Zeit des chinesischen Neujahrsfestes, während dessen das ganze Land fast vier Wochen lang nahezu stillsteht. Als das Virus dann in Europa präsent war ab Anfang März und es dann zu den Lockdowns in ganz Europa kam, waren wir zunächst sicherlich optimistischer, als wir es heute sind. Wir hielten es damals noch für möglich, dass wir in einigen Wochen wieder das Vorkrisenniveau erreichen können. Das hat sich dann sukzessive anders dargestellt.

bauMAGAZIN: Der Lockdown, den es ja zuvor in Deutschland bzw. in Europa so noch nie gegeben hat, hat Ihnen also keine große Angst gemacht …

Böhm: Keiner von uns hat schon einmal eine Pandemie erlebt. Aber es hat schon andere Krisen gegeben, wie die große Weltwirtschaftskrise 2009. So etwas hatte es für uns vorher auch noch nicht gegeben, aber wir haben diese Krise gemeistert. Wir bei Liebherr verfallen weder in extreme Euphorie, wenn es gut läuft, noch bekommen wir Panik, wenn so etwas passiert wie 2009 oder jetzt die Corona-Pandemie. Ich denke, wir haben die Pandemie bislang ganz gut gemeistert, indem wir sehr rational und pragmatisch die Themen abgearbeitet haben. Es gab bei uns in der Gruppe wirklich keinerlei Anzeichen von Panik. Am Anfang hat es einige Probleme bezüglich der Lieferketten oder der Logistik gegeben, aber nichts Wesentliches.

bauMAGAZIN: Von welchem Zeitpunkt an war Ihnen bewusst, dass Covid-19 eine große Bedrohung ist? War das schon, als das Virus in China ausbrach, oder erst als beispielsweise die Infektionszahlen im Elsass explodierten, wo in Colmar ein wichtiger Standort von Liebherr ist, und nach und nach die Grenzen in Europa geschlossen wurden?

Böhm: Für mich war dieser Zeitpunkt am Ende der zweiten März-Woche auf dem Rückflug von der Conexpo in Las Vegas. US-Präsident Trump hatte gerade seine Einreisebeschränkungen für EU-Bürger verkündet. Natürlich hat man vorher die Entwicklung in China beobachtet. Aber richtig bewusst geworden ist uns die Corona-Gefahr wohl erst Anfang bzw. Mitte März.

Joachim Strobel: Wir hatten schon im Vorfeld der Conexpo Diskussionen, ob eine Teilnahme wirklich Sinn macht. Aber wir konnten zu dem Zeitpunkt die Dimension von Corona noch nicht im tatsächlichen Maß abschätzen. Die Messe endete deswegen ja auch zwei Tage früher als geplant. Schon eine Woche später mussten wir unser Werk in Colmar herunterfahren, weil sich das Elsass zu einer Hotspot-Region entwickelt hatte. Das Gleiche haben wir dann mit zwei Werken in Österreich und dem in Kirchdorf gemacht, auch um die geforderten Hygienevorschriften und Sicherheitsmaßnahmen umsetzen zu können. Auch die Anpassungen an die Arbeitsorganisation haben gut funktioniert. Bereits knapp zwei Wochen später konnten wir die Fabriken wieder hochfahren.
Grundsätzlich noch einmal zu den Zahlen und zur Entwicklung der vergangenen Jahre: Die Sparte Erdbewegungsmaschinen ist sehr stark beteiligt gewesen am Wachstum. Da kann man schon von einem Hoch sprechen, das die ganze Branche hatte, und von dem auch wir profitiert haben. Unser Strategieplan war in bestimmten Märkten deutlich auf Wachstum ausgelegt. Gleichwohl wussten wir, dass dieses Wachstum so nicht endlos anhalten kann. Aber wir waren durchaus optimistisch, mit unserer Positionierung auch bei Seitwärtsbewegungen in verschiedenen Märkten Zugewinne realisieren zu können. Deshalb hatten wir in der Sparte Erdbewegung für 2020 eine Steigerung geplant, was durch die Zahlen bis Mitte März auch bestätigt wurde. Doch dann war durch Corona von einem Tag auf den anderen alles in Frage gestellt. Aber auch bei uns gab’s keine Panik, denn das ist immer der schlechteste Ratgeber in solch einer Notsituation.

bauMAGAZIN: Firmenchef Willi Liebherr wird im Geschäftsbericht mit der Aussage zitiert, »dass es infolge der Pandemie zu Umsatzrückgängen kommen wird«. Allerdings gehe man davon aus, auf die Herausforderungen gut vorbereitet zu sein. Hat die Unternehmensgruppe diese Herausforderungen bislang bewältigen können, gab es Kurzarbeit, Werksschließungen, Entlassungen? Wie wurde die Corona-Krise bislang gemanagt?

Böhm: Erst einmal sehr pragmatisch. Wir haben versucht, die richtigen Maßnahmen zu treffen und einzuleiten. Zunächst einmal zu den Zahlen: Aktuell sieht es so aus, dass wir als Gruppe in den ersten sechs Monaten dieses Jahres einen Umsatzrückgang von 13,5 % konstatieren müssen. Das ist im Rahmen der Erwartungen. Die Umsatzzahlen resultieren in erster Linie – natürlich Corona-bedingt – aus einem schlechten 2. Quartal. Das ist im Quervergleich, betrachtet man Referenzzahlen aus der Industrie, gar nicht so schlecht. Diese 13,5 % sind stark beeinflusst durch einen Bereich, der nichts mit Baumaschinen oder Mining zu tun hat – nämlich der Sparte Aerospace. Dort sind die Umsatzrückgänge natürlich extrem. Baumaschinen und Mining liegt eher im Bereich von 10 % bis 12 %. Darüber sind wir sehr froh. Es gab keine Stornierungswellen von Kunden. Wir mussten auch keine Kunden-Ausfälle verzeichnen. Es gab bislang so gut wie keine Insolvenzen, nicht zuletzt auch dank der staatlichen Unterstützungsprogramme in Europa.
Intern sind wir mit Bedacht vorgegangen. Wir haben uns neu organisiert. In den administrativen Bereichen wurde mobiles Arbeiten eingeführt und zeitweise in Schichten gearbeitet. Kurzarbeit haben wir in den europäischen Ländern teilweise beantragt, vor allem deshalb, weil wir zunächst aufgrund der Schwierigkeiten mit den Lieferketten unsere Produktionskapazitäten nicht auslasten konnten. In keinem einzigen Fall dauerte die Kurzarbeit im Bereich Baumaschinen, flächendeckend über ganze Unternehmen hinweg, aber länger als zehn Wochen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wirklich sehr gut mitgezogen. Kurzarbeit hilft natürlich auch dabei, die Beschäftigtenzahl stabil zu halten und Entlassungen zu vermeiden. So haben wir zum Halbjahr 2020 fast genauso viele Beschäftigte wie zum Ende des Jahres 2019.

bauMAGAZIN: Welche Rolle spielt in dieser Krise die finanzielle Unabhängigkeit des Konzerns, seine dezentrale Unternehmensstruktur und die breite Diversifikation?

Böhm: Wenn Sie fragen, was für uns oberste Priorität hat, dann ist das die Unabhängigkeit. Dazu gehört nicht nur, aber auch die finanzielle Unabhängigkeit. Im Gegensatz zu Unternehmen, die finanziell nicht unabhängig sind, können wir bestimmte Maßnahmen vermeiden, wie beispielsweise die Zahl der Beschäftigten deutlich zu reduzieren. Wir haben genügend Mittel, um solch eine Krise durchzustehen. Das können wir auch gegenüber unseren Geschäftspartnern sehr gut nachweisen. Die Dezentralisierung ist natürlich insofern wichtig, weil sie uns ermöglicht, Kapazitäten umzuschichten. Auch 2009 waren einige Sparten stärker betroffen als andere, weshalb wir beispielsweise in Deutschland seinerzeit einen Kapazitätsausgleich hinsichtlich der Beschäftigten vereinbart haben. So konnten sich die Sparten gegenseitig helfen und unterstützen. Das ist auch jetzt wieder der Fall und ermöglicht es uns, Beschäftigung zu sichern.

bauMAGAZIN: Die Sparte Erdbewegung ist mit zuletzt 3,178 Mrd. Euro die umsatzstärkste Sparte in der Liebherr-Gruppe, wobei die EU mit einem Anteil von knapp 62 % der mit Abstand größte Absatzmarkt ist. Wie stellt sich die Situation hinsichtlich Umsatz und Absatz derzeit dar und wie beurteilen Sie die weiteren Aussichten?

Strobel: Es ist tatsächlich deckungsgleich mit dem, was wir in der Unternehmensgruppe sehen. Die Schwerpunktmärkte in der Erdbewegung liegen für uns nach wie vor in Europa mit Deutschland an der Spitze. Der deutsche Markt ist im Übrigen einer der attraktivsten Märkte weltweit im Bereich Erdbewegung. Das Absatzvolumen für Erdbewegungsmaschinen in dem flächenmäßig eher kleinen Deutschland ist enorm. Da gibt es eigentlich nichts Vergleichbares. Und logisch: Als deutscher Hersteller liegt unser Fokus auf diesem Markt, der allerdings auch heiß umkämpft ist. Deshalb waren wir froh, dass sich Deutschland wieder als einer der stabileren Märkte in Europa behauptet hat.
Grundsätzlich sehen wir in Europa eine stabile Entwicklung und das Potenzial, unsere Marktanteile auszubauen, beispielsweise in Skandinavien und Osteuropa. Auch Spanien und Italien hatten sich bis Corona wieder positiv entwickelt. Wir wachsen auch in den USA, Russland ist traditionell ein starker Absatzmarkt, und in Australien profitieren wir unter anderem von einer positiven Entwicklung im Mining. Ich denke aber auch, dass sich die Verteilung von Umsatz und Absatz in den Märkten tendenziell nicht verschieben wird. Allerdings haben wir unsere Präsenz in den USA massiv ausgebaut, um uns dort deutlich besser aufzustellen. Die USA sind nun mal der größte Markt in Bereich der regulierten Märkte, also den Märkten mit den strengsten Emissionsnormen.

bauMAGAZIN: Noch einmal zurück zum deutschen Markt: Wie hat sich der Absatz der Erdbewegungsmaschinen in Deutschland entwickelt, wo die Bauwirtschaft ja bislang so gut wie keine wirtschaftlichen Einbußen verkraften muss, die Baustellen nicht wie in anderen europäischen Ländern während des Lockdowns geschlossen wurden?

Strobel: Schauen wir uns die offiziellen Statistiken des europäischen Verbandes der Baumaschinenhersteller CECE an, liegt der deutsche Markt mit einem Rückgang von 19 % im August in einem guten Bereich im europäischen Vergleich. Und es stimmt: Bei den Bauprojekten in Deutschland hat es so gut wie keine Unterbrechungen gegeben. Aber das wirkt sich nicht unbedingt gleich auf das Neumaschinengeschäft aus, sondern eher auf das Geschäft mit Ersatzteilen. In unserer Organisation haben wir sichergestellt, dass unsere Kunden mit Ersatzteilen versorgt werden. Deshalb gab’s in diesem Bereich kaum Unterschiede zum Vorjahr.
Bei den Neumaschinen halten sich die Kunden derzeit mit Investitionen eher zurück, auch weil viele in den vergangenen Jahren ihren Maschinenpark erst erneuert haben und jetzt abwarten, wie es weitergeht. Bis zum Ende des Jahres rechnen wir mit einem Umsatzrückgang von etwa 15 % in Deutschland, ausgehend von einem wirklich sehr hohen Niveau. Das wirft uns nicht aus der Bahn. Allerdings hört man mittlerweile aus dem Markt, dass es zu einem Stau bei vielen Projekten kommt, da notwendige Planungs- und Genehmigungsprozesse in den betreffenden Ämtern durch die Pandemie ebenfalls deutlich verzögert laufen. Das führt natürlich zu einer zunehmend angespannten Auftragslage bei unseren Kunden. Ein Indikator dafür ist auch, dass es selbst für mittlere und kleinere Bauprojekte wieder eine deutlich höhere Anzahl von Anbietern gibt. Nun muss man abwarten, ob das nur temporäre Auswirkungen sind oder sich zu einem Trend entwickeln.

bauMAGAZIN: Zum Thema Investitionen: Liebherr hat in den vergangenen fünf Jahren jedes Jahr Investitionen im Bereich von rund 750 Mio. bis 830 Mio. Euro getätigt. So wurde in diesem Jahr unter anderem die für 60 Mio. US-Dollar erweiterte USA-Zentrale in Newport News (Virginia) in Betrieb genommen. Welche Summe ist für dieses Jahr budgetiert, welches sind die wichtigsten Projekte?

Böhm: Eine klassische Budgetierung, wie es sie bei anderen Unternehmen gibt, findet bei uns so nicht statt. Zudem ist zu vermerken, dass unsere Investitionen auch immer zu einem großen Teil die Investitionen in unseren Mietpark beinhalten. Also nicht nur die klassischen Investitionen in Sachanlagen, in Fabriken, in Gebäude oder in technische Anlagen. Wir werden dieses Jahr unter der Summe vom vergangenen Jahr liegen, aber es wird auch keinen Einbruch geben. Der Anteil der Mietparkinvestitionen bleibt allerdings stabil. Die Sachanlageninvestitionen, wie die angeführte Erweiterung unserer US-Zentrale, werden hingegen etwas reduziert.
Derzeit wird für den Bereich Erdbewegung in Deutschland eine neue Vertriebszentrale in Dettingen an der Iller gebaut, nur wenige Kilometer entfernt von unserem Kirchdorfer Werk, die im 1. Quartal 2021 in Betrieb genommen wird. Es gibt größere Projekte im Ehinger Werk bezüglich Lagerwirtschaft und Logistik, und wir haben von den Gesellschaftern grünes Licht erhalten für eine größere Investition in Österreich: nämlich den Bau eines Logistikzentrums im Radladerwerk Bischofshofen.


bauMAGAZIN: Die »Baustelle der Zukunft« war auf dem Bauma-Stand von Liebherr das dominierende Thema. Stichworte sind dabei unter anderem energieeffiziente Motoren, emissionsfreie Antriebslösungen oder auch das autonome Fahren. Welche Neu- und Weiterentwicklungen hat es seit der Bauma gegeben?

Strobel: Der Elektroantrieb ist derzeit das bestimmende Thema bei jeder Diskussion über neue Antriebe, sei es im Pkw-Bereich oder bei Nutzfahrzeugen. Auch im Bereich Erdbewegungsmaschinen gibt es vermehrt eine Tendenz hin zum Elektroantrieb mittels Akku. Es gibt Wettbewerber, die sich da schon klar festlegen. Wir sehen dafür vor allem in kleineren Maschinen eine relativ sinnvolle Verwendung. Bei uns wären das die Kompaktradlader oder Teleskoplader. Auch Liebherr wird zeitnah akkubetriebene Maschinen in den Markt bringen …

bauMAGAZIN: Gibt es dafür schon ein konkretes Datum?

Strobel: Wegen der Corona-Pandemie müssen wir die Zeitschiene neu planen. Wir gehen aber davon aus, dass wir damit spätestens 2022 starten werden. Wie gesagt, unserer Ansicht nach macht der Einsatz hauptsächlich bei kleinen Maschinen Sinn. Warum? Weil die effektive Nutzungsdauer relativ überschaubar ist und sich aufgrund der bevorzugten Einsatzfelder, wie zum Beispiel im innerstädtischen Bereich, die Ladesituation gut abbilden lässt. Bei Einsätzen von mittleren oder größeren Baggern macht der Akku-Antrieb für uns eher weniger Sinn. Denn die Dimensionen der heute verfügbaren Batterien wären viel zu groß im Verhältnis zur Maschine oder die Nutzungszeit ist relativ überschaubar und begrenzt. Dieses Manko gibt es ja nach wie vor auch bei den Pkw.

bauMAGAZIN: Wie beurteilt man bei Liebherr die alternativen Antriebe generell?

Strobel: Wir sind in allen Bereichen entwicklungstechnisch aktiv – sei es bei Brennstoffzellen, Elektroantrieben oder Hybridlösungen. Aber wir können noch nicht erkennen, wohin die Reise im Markt gehen wird. Deshalb werden wir uns heute nicht auf eine Technologie festlegen. Denn so kann man ganz schnell aufs Abstellgleis geraten. Und das wollen wir vermeiden. Nimmt man die Reduzierung der Umweltbelastung als globalen Maßstab, dann sehen wir einen enormen Mehrwert in der synthetischen Kraftstofftechnologie. Denn das ist derzeit die einzige Technologie, mit der sich der weltweit bestehende Maschinenbestand mit relativ geringem technischen Aufwand in kürzester Zeit umrüsten lässt. Wenn man diesen synthetischen Kraftstoff mit grüner Energie herstellt, wäre die Nutzung der Maschinen CO₂-neutral. In dem Fall würden zusätzliche CO₂-Ausstöße vermieden, die durch die Batterieproduktion und die dazu gehörende Infrastruktur entstehen. Wenn man also bis 2030 den CO₂-Ausstoß so gravierend senken will, dass die Klimaziele erreicht werden, dann sollte man unserer Ansicht nach nicht nur in die Batterietechnologie investieren, erhöht diese doch erst einmal die CO₂-Belastung. Deshalb liegt unser Schwerpunkt auf der Nutzung des synthetischen Kraftstoffs. Denn die Maschinen können mit dem fast gleichen Leistungsvolumen eingesetzt und die bestehende Tankstelleninfrastruktur kann genutzt werden.

bauMAGAZIN: Wird Liebherr demnächst auch autonom fahrende Maschinen in den Markt bringen?

Strobel: Wir testen seit einem Dreivierteljahr Prototypen für autonomes Fahren mit beachtlichem Erfolg. Aber man muss, bei aller Weiterentwicklung der Technologien, immer auch die Wirtschaftlichkeit im Blick haben und die Relation sehen zum Gesamtmarkt. Deshalb wird das autonome Fahren noch über Jahre ein Nischenfeld bleiben. Gleichwohl ist die Entwicklung all dieser Systeme wichtig. Denn sie unterstützen den Bediener der Maschine in seinen Tätigkeiten deutlich besser, erhöhen so dessen Konzentrationsfähigkeit sowie seine Präzision beim Arbeiten und damit die Produktivität. Wir sehen also den großen Mehrwert nicht darin, den Fahrer auf kurze Sicht zu ersetzen. Sondern unsere Philosophie ist es, mit den aus dem Bereich autonomes Fahren stammenden Assistenzsystemen für mehr Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Sicherheit zu sorgen, was sowohl für den Betreiber als auch für den Eigentümer der Maschine einen echten Mehrwert bietet. Denn bei einem Investitionsgut wie einer Baumaschine wird sich nur die Technologie durchsetzen, die auch wirtschaftlich ist.

bauMAGAZIN: Das andere große aktuelle Themenfeld in der Bau- und Baumaschinenindustrie ist die Digitalisierung. Hier lauten die Stichworte Vernetzung, Augmented Reality, Virtual Reality, Assistenzsysteme etc. Unter anderem hat Liebherr auf der Bauma mit INTUSI eine adaptive und intuitiv zu bedienende Steuerkonsole für Baumaschinen vorgestellt. Wann und in welchen Maschinen kommt dieses neuartige Bedienkonzept zum Einsatz?

Strobel: INTUSI wird im Zuge von Maschinen-Neueinführungen implementiert. Das wird erstmals zur nächsten Bauma der Fall sein. Wir schätzen, dass es ungefähr fünf Jahre lang dauern wird, bis unsere komplette Palette der Erdbewegungsmaschinen mit INTUSI ausgestattet ist. Wir vergleichen die Entwicklung und den Nutzen von INTUSI mit dem Mehrwert, den ein Smartphone bietet im Gegensatz zu den alten Mobilfunkgeräten. Heute wird ein Smartphone ganz selbstverständlich von jeder Altersgruppe bedient. Das Beispiel zeigt, wie man etwas variabel und individuell hinterlegt mit Funktionen, die man intuitiv lernen und bedienen kann. Deshalb ist INTUSI für uns ein ganz wichtiger Schritt dahingehend, wie man künftig eine Baumaschine effizienter und sicherer bedienen kann. Denn mit diesem selbstlernenden System stellen wir sicher, dass die neuen digitalen Assistenzsysteme und Applikationen vom Bediener auch individueller genutzt werden und sich dadurch die Produktivität und damit die Wirtschaftlichkeit der Maschine erhöht.

bauMAGAZIN: Nun ist INTUSI eine Art Zukunftsmusik. In der Realität ist es aber immer noch so, dass auf einer Baustelle die Vernetzung von Baumaschinen verschiedener Hersteller trotz der ISO-Norm 15143-3 nicht funktioniert, sehr zum Missfallen der Bauunternehmer. Herr Strobel, Sie sind stellvertretender Vorsitzender des VDMA-Fachverbandes Bau- und Baustoffmaschinen, und der versucht schon seit Jahren, dieses Problem zu lösen. Unter anderem strebt man einen europäischen Standard an. Wie ist der derzeitige Stand der Diskussionen, und gibt es bald eine Lösung dieses Problems der mangelnden Schnittstellen, und wie handhabt Liebherr diese Problematik?

Strobel: Es gibt diesen Fortschritt, und zwar mit der Gründung der Gesellschaft »Machines Construction 4.0« auf der Bauma 2019. Das Ziel dieses Gremiums ist es, einen gemeinsamen Standard zu kreieren. Die Hersteller, die sich dazu bekennen, werden entsprechend zertifiziert. Dieser Standard soll sich dann immer schnell der technischen Weiterentwicklung entsprechend anpassen. Dadurch weiß der Kunde, dass dieser Maschinenhersteller standardisierte Daten im definierten Format zur Verfügung stellt und er diesen Vorteil auf der Baustelle für sich nutzen kann. Dies ist jedoch eine anspruchsvolle Aufgabe. Es ist aber in MiC 4.0 schon gelungen, die Maschinenzustandsdaten entsprechend der ISO 15143-3 zu standardisieren. Im nächsten Schritt werden die Prozessdaten in enger Zusammenarbeit mit den Endanwendern definiert und das Format standardisiert. Aber es ist allen bewusst, so denke ich, dass wir sehr schnell in die nächste Phase übergehen müssen. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass immer mehr Baumaschinen-Hersteller mit einsteigen. Es hilft ja nichts, wenn die eine Hälfte der Hersteller in die eine Richtung geht, und die andere Hälfte in eine andere. Auch die Verbände in Nordamerika und in Europa sollten bei dieser Thematik nicht mehr im Wettbewerb miteinander stehen. Wir haben erkannt, dass unsere Kunden eine durchgehende Palette an Maschinen nutzen. Deshalb ist diese VDMA-Initiative ein guter Weg.

bauMAGAZIN: Gibt es denn Signale von Mitbewerbern, wie Caterpillar und Komatsu, die bislang ja ihre eigene Flotten-Management-Systeme favorisieren, diesen Weg künftig mitgehen zu wollen?

Strobel: Es gibt Signale von Wettbewerbern, wie Cat und Volvo – und zwar in der Form, dass sie Mitglied in der AG MiC 4.0 sind. Weitere Mitwettbewerber zeigen ebenfalls Interesse an der Teilnahme. Das zeigt zumindest: Es gibt eine Anerkennung dafür und eine gewisse Einsicht, dass diese Problematik keiner für sich alleine auflösen kann. Der Kunde ist am Ende der Entscheider. Wenn der feststellt, dass er sich mit einem System gleichzeitig an eine Marke bindet, dann dürfte die Mehrzahl der Kunden damit auf Dauer ein Problem haben. Und das, so glaube ich, erkennen mittlerweile alle. Alle wissen, dass sie sich irgendwann an dieser Diskussion beteiligen müssen. Wenn das am Ende dazu führt, dass sie eine Schnittstelle zur Schnittstelle anbieten und den anderen Herstellern nichts verbaut wird, dann kann auch das eine Lösung dieser Problematik sein. Kein Hersteller wird sich dem verschließen können.

bauMAGAZIN: Wagen Sie eine Prognose, bis wann diese Daten im standardisierten Format zur Verfügung stehen?

Strobel: Das ist wirklich schwierig. Ich formuliere es mal so: Jedes Jahr, das es länger dauert, ist ein Jahr zu spät. Denn nur, wenn man sich auf einen Standard einigt, dann kann darauf aufbauend weiter entwickelt werden. Deshalb eilt es wirklich. Die Mitglieder der VDMA-Initiative haben die Standardisierung der Maschinenzustandsdaten abgeschlossen und die Bearbeitung der Prozessdaten erfolgt in den nächsten Monaten. Wir hoffen, dass wir auf diesem Weg so viele Marktteilnehmer wie möglich mitnehmen. Deshalb ist es aus unserer Sicht so wichtig, dass auch die Kundenseite in dieser Initiative vertreten ist.

bauMAGAZIN: Noch einmal zurück zur allgemeinen wirtschaftlichen Situation, denn die Corona-Pandemie ist ja nicht die einzige Bedrohung. Es gibt den amerikanisch-chinesischen Handelskonflikt, die Russland-Sanktionen wegen der Krim-Annexion und des Ukraine-Konflikts, der Brexit wird Ende des Jahres Realität und die Region Middle East ist nach wie vor ein Pulverfass. Wie managt die Unternehmensgruppe Liebherr mit fast 50 000 Mitarbeitern und rund 140 Gesellschaften auf allen Kontinenten diese Vielzahl an politischen Unwägbarkeiten?

Böhm: Mit Ruhe, mit Bedacht und mit Pragmatismus. Das wäre die kurze Antwort. Wenn wir die angesprochenen Konfliktfelder einzeln betrachten, dann würde ich sagen: Der amerikanisch-chinesische Handelskonflikt ist wahrscheinlich das Thema, das uns in den kommenden Jahren am längsten beschäftigen wird. Ob das ein Handelskonflikt ist oder auch ein politischer Konflikt, das sei mal dahingestellt. Es geht eher um die Vormachtstellung in der Welt. Und das wird uns alle begleiten, davon sind wir überzeugt. Als jemand, der sehr lange in China gelebt hat, weiß ich, dass die Chinesen genauso pragmatisch sind wie wir in Europa. Sie werden also auch darauf achten, dass für sie daraus keine Nachteile entstehen. Insofern kann man guter Dinge sein, dass man es mit den gegenseitigen Zöllen auch nicht so übertreibt, dass die Märkte in größerem Maße beschädigt werden.
Zum Brexit: Wir warten jetzt einmal ab, was zum Jahresende passiert. In Großbritannien war schon vor der Pandemie die Nachfrage geringer, weil sich viele unserer Kunden schon auf das Thema Brexit generell vorbereitet haben. Für uns als Gruppe birgt der Brexit Risiken, bietet aber auch Chancen. Denn wir haben im UK nicht nur eine unserer größten Vertriebsorganisation, sondern in Sunderland im Nordosten Englands auch ein Werk.
Die Sanktionen in Russland gibt es jetzt schon seit längerer Zeit. Trotzdem sind unsere Geschäftszahlen in Russland derzeit hervorragend, vor allem in den Bereichen Mining, Autokrane oder maritime Krane. Dabei halten wir uns natürlich strikt an die Sanktionsbestimmungen. Deshalb sind wir auch positiv überrascht, wie sich das Geschäft trotz der politischen Umstände entwickelt. Noch ein Wort zum Nahen bzw. Mittleren Osten: Die Konflikte dort werden weiterhin die Welt beschäftigen. Auch ist die Frage spannend, wie die Staaten dort den Umbau ihrer Volkswirtschaften verkraften, wenn die Nachfrage nach Öl und Gas nachlässt, weil weltweit künftig vermehrt regenerative Energiequellen genutzt werden.

bauMAGAZIN: Schlussfrage: Es scheint derzeit so, als ob eine zweite Corona-Welle kaum aufzuhalten ist, wobei deren Folgen noch nicht abzusehen sind. Wie lautet Ihre Prognose für die Unternehmensgruppe Liebherr, wie schätzen Sie die allgemeine wirtschaftliche Situation bis zum kommenden Frühjahr ein und welche Maßnahmen von Seiten der Politik – vor allem in Deutschland und Europa – würden Sie sich wünschen?

Böhm: Wir gehen davon aus, dass wir uns 2020 in der gleichen Größenordnung bewegen im Vergleich zu 2019, wie wir das bei den Halbjahreszahlen konstatiert haben. Also ein Umsatzrückgang in der Größenordnung von rund 13 % in der Unternehmensgruppe. Da rechnen wir mit keinen großen Veränderungen mehr. Das Jahr 2021 wird Herausforderungen mit sich bringen, weil die Auftragseingänge nicht mehr auf dem gewohnten Niveau und die daraus resultierenden Auftragsbestände für 2021 deutlich niedriger sein werden. Die Entwicklung hängt also sehr stark davon ab, was wir tatsächlich an Aufträgen in 2021 realisieren können. Deshalb sind wir mit Prognosen, wie auch die allermeisten Wettbewerber, eher zurückhaltend. Jetzt Zahlen zu nennen, das ist wirklich sehr schwierig. Lassen Sie es mich so formulieren: Wir würden uns freuen, wenn wir als Gruppe insgesamt im Jahr 2021 etwas besser abschneiden als 2020. Das wäre ein Erfolg.
Was wünschen wir uns? Dass gewisse staatliche Maßnahmen, die in Deutschland bzw. in Mitteleuropa ergriffen wurden, fortgesetzt werden. Viele sind befristet bis Jahresende. Diese Maßnahmen haben bislang dafür gesorgt, dass es nicht zu Insolvenz-Wellen gekommen ist. Wir würden uns wünschen, dass das weiterhin der Fall ist. Dass die Staaten alles daransetzen, damit sich das Rad weiterdreht. Auch sollten nicht nur schon beschlossene Infrastrukturprojekte abgearbeitet werden, sondern auch neue Projekte dieser Art angestoßen werden. Es wäre elementar wichtig, diese Zeit jetzt zu nutzen für Investitionen in die Infrastruktur, die ja auch wirklich verbesserungswürdig ist in ganz Europa.

Strobel: Ergänzen möchte ich das dahingehend, dass wir im Falle von erneuten Corona-Restriktionen jetzt über Erfahrungen im Umgang damit verfügen. Es wird nicht mehr so sein, dass Fabriken von einem Tag auf den anderen geschlossen werden. Da hat es einen Lernprozess in der Industrie nach dem Lockdown im Frühjahr gegeben. Problematisch dürfte eher sein, dass Projekte oder Baugenehmigungen nicht zeitgerecht abgearbeitet werden können, weil die personellen Kapazitäten nicht ausreichen. An den Geldern fehlt es jedenfalls nicht. Diese wurden zur Unterstützung der Industrie richtigerweise innerhalb kurzer Zeit bewilligt. Aber die Frage ist doch: Wie schafft man es, dass dieses Geld auch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort eingesetzt wird? Und da hoffe ich, dass die Politiker mit dem großen Bild vor Augen die richtigen Maßnahmen, die sie ja schon eingeleitet haben, jetzt auch wirklich umsetzen. Dann bin ich optimistisch.
Böhm: Noch ein Satz zum Abschluss: Als Vertreter eines Unternehmens, das paneuropäisch verankert ist, würde ich mir vor allem eines wünschen in diesen Pandemie-Zeiten: Eine generelle und für alle verständliche Regelung in ganz Europa darüber, wer wie reisen kann und wie Güter transportiert werden. Denn diese Kleinstaaterei mit den unterschiedlichsten Bestimmungen schon auf regionaler Ebene kann niemand nachvollziehen – ganz zu schweigen von den Kosten und von dem Aufwand, der dadurch verursacht wird. Diese einheitliche Regelung, die wünsche ich mir.     m

 

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