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Epiroc: Im Aufbruch

Dass Unternehmen übernommen werden oder sich zusammenschließen, ist in der Wirtschaft ein ganz normaler Prozess. Eher seltener kommt es vor, dass ein Unternehmen aufgeteilt wird – sprich, es zu einer Abspaltung kommt, bei der ein Geschäftsbereich oder mehrere in eine neu gegründete und rechtlich eigenständige Firma übertragen werden. Genau das hat der schwedische Industriekonzern Atlas Copco, wie bereits Anfang 2017 angekündigt, mit seinem Bau- und Bergbaugeschäft gemacht. Das ist seit Juni 2018 unter dem Namen Epiroc an der Stockholmer Börse notiert und hat seine deutsche Zentrale in Essen – mit der für die DACH-Region und Benelux zuständigen Vertriebsgesellschaft Epiroc Deutschland GmbH und dem traditionsreichen Werk für Bagger-Anbaugeräte, vornehmlich Hydraulikhämmer, Zangen oder Pulverisierer. Für Geschäftsführer Stephan Ketteler und Anja Kaulbach, Divisional Communication & Brand Manager, ist das Feedback des Marktes und der Kunden auf die neue Konstellation »ein sehr positives«, wie beide beim Redaktionsgespräch mit dem bauMAGAZIN in Essen erklärten. Was auch die Zahlen verdeutlichen. So verzeichnete Epiroc im Jahr 2018 konzernweit ein Umsatzplus von 22 % auf umgerechnet rund 3,6 Mrd. Euro, lagen die Auftragseingänge mit 16 % im Plus, stieg das Betriebsergebnis von umgerechnet rund 561 auf 699 Mio. Euro.

Von Michael Wulf

Auch in Europa mit Deutschland als einem der Kernmärkte hat sich das neue Unternehmen Epiroc über ein Umsatzwachstum von rund 20 % freuen können, so Stephan Ketteler. Damit sei man »auf jeden Fall zufrieden in diesen turbu­lenten Zeiten«. Den »Löwenanteil« des Umsatzes in der DACH-Region und in Benelux wird mit den Bagger-Anbaugeräten erwirtschaftet, die in Essen sowie im Schwesterwerk in Kalmar für den Weltmarkt produziert werden. Dazu kommen die Bohranlagen für die diversen Tunnelprojekte bei denen Epiroc mit seinem Produkten »ganz gut vertreten ist«, so Stephan Ketteler. Während im südschwedischen Kalmar seit 1993 Hydraulikhämmer mit einem Dienstgewicht von 55 kg bis 1 060 kg nach den Solid-Body-Konzept gefertigt werden, ist das ehemalige Krupp-Werk in Essen – wo 1963 der erste Hydraulikhammer der Welt überhaupt entwickelt wurde – der Standort für den Bau der Hydraulikhämmer im Bereich von 750 kg bis zu 10 t sowie für die Entwicklung bzw. die Produktion des gesamten Portfolios an Bagger-Anbaugeräten für den Weltmarkt. Neben den Hydrauklikhämmern samt Meißeln gehören dazu Abbruchzangen, Pulverisierer, Stahl- und Schrottscheren, Verdichter, Backenbrecherlöffel, Multigreifer und Hydro-Magnete.

Optimale Rahmenbedingungen

Dabei sieht man sich in Essen »als Marktführer den höchsten Qualitätsansprüchen« verpflichtet, wie Reiner Koch als Geschäftsführer der Epiroc-Produktionsgesellschaft Construction Tools GmbH und des dazugehörenden Verteilzentrums erläuterte. Das frühere Krupp-Werk biete optimale Rahmenbedingungen für eine effiziente Produktion dank der exzellenten Mitarbeiter und dem regelmäßig erneuerten Maschinenpark.

Zu den Kernkompetenzen im Essener Werk gehört, so Reiner Koch weiter, »die Materialauswahl und die Warmbehandlung«. So gebe man den Stahlherstellern genau vor, wie der Stahl zu produzieren ist. »Diese Stahlkomposition und die Warmbehandlung ist essenziell für unsere Hydraulikhammer-Produktion«, betonte er und verwies in diesem Zusammenhang auf die hohe Qualität von Kolben und Meißel.

So arbeite man in der Fertigung »mit geringsten Toleranzen bis auf den Hundertstel Millimeter genau«, werde jedes Anbaugerät auf einem der drei Prüfstände einem Prüfstandslauf unterzogen. »Dadurch gelingt es uns, die leisesten und langlebigsten Hydraulikhämmer herzustellen.«

Für Stephan Ketteler bietet der Standort Essen in der Epiroc-Konstellation darüber hinaus den Vorteil, dass Vertrieb, Produktion und Logistik jetzt »unter einem Dach sind«, was zu Zeiten von Atlas Copco so nicht der Fall war. Außerdem wird mit Beginn dieses Jahres durch die Einrichtung des »European Competence Centers« die Zuständigkeit des »weltweit größten Hydraulikhammerwerks von Epiroc« nochmals erweitert. »Im neuen ECC ist ein Trainings- und Schulungszentrum integriert, in dem wir unsere eigenen Mitarbeiter und die unserer Händler in Theorie und Praxis fortbilden«, so Anja Kaulbach.

»Mammutprojekt in relativ kurzer Zeit durchgezogen«

Als Anfang 2017 die Abspaltungspläne vom 1873 gegründeten Atlas-Copco-Konzern publik wurden, hat das im Kreise der Mitarbeiter zunächst für Irritationen gesorgt. »Aber nur kurz«, wie sich Stephan Ketteler und Anja Kaulbach erinnern, dann habe es eine »regelrechte Aufbruchstimmung« gegeben, die bis heute anhalte. »Die neue Eigenständigkeit ist unglaublich positiv aufgenommen worden und hat so eine Art Start-up-Feeling entfacht, allerdings eines mit 145 Jahren Erfahrung.«

Denn die von Atlas Copco abgespaltenen Firmen seien im Grunde in ihren ursprünglichen Strukturen erhalten geblieben. »Das war sehr interessant, wie eine Welle, die gestartet wurde. Bis heute haben wir kein negatives Wort von den Mitarbeitern über unser neues Corporate Identity gehört.« Exemplarisch für die Aufbruchstimmung und die Identifikation mit dem neuen Unternehmen sei der kreative Prozess bei der Namensfindung gewesen. »Es gab Hunderte von Mitarbeiter-Vorschlägen, und aus einer Short-List von zehn Namen wurde dann der Kunstname Epiroc ausgewählt.«


Dass diese neue Eigenständigkeit und die resultierende Fokussierung auf die Kernkompetenzen im Bau- und Bergbaugeschäft ein Vorteil sein kann, diese Sicht der Dinge hat sich dann schnell durchgesetzt. So habe man »dieses Mammutprojekt trotz der Herausforderungen wie beispielsweise bei den IT-Systemen in relativ kurzer Zeit durchgezogen«, sagte Stephan Ketteler.

Zwei Geschäftsbereiche, sieben Divisionen

Heute steht Epiroc für einen Umsatz von umgerechnet rund 3,6 Mrd. Euro (2018), die von weltweit mehr als 13 000 Mitarbeitern in rund 150 Ländern erwirtschaftet werden. Dabei sind die zwei Geschäftsbereiche Bergbau und natürliche Ressourcen sowie Infrastruktur in sieben Divisionen mit jeweils unterschiedlichen Produktionsstandorten in insgesamt 23 Ländern sowie 32 Customer Center in den entsprechenden Regionen unterteilt, die den Vertrieb zum größten Teil über die dort ansässigen Händler organisieren, vor allem im Bereich der Bagger-Anbaugeräte. Eine wichtige und wachsende Rolle spielt dabei zudem die Zu­sammenarbeit mit den großen Mietparks.

Das Ziel in den kommenden Jahren sei natürlich, so Stephan Ketteler, in allen Divisionen weiter zu wachsen – »organisch, aber auch durch Akquisitionen«. So habe Epiroc im vierten Quartal des vergangenen Jahres das kanadische Unternehmen Fordia übernommen, das vornehmlich für den kanadischen Markt mit rund 400 Mitarbeitern Werkzeuge und Komponenten für Bohranlagen produziere, perspektivisch aber in anderen Märkten Wachstum generieren soll. Auch die Übernahme des Thüringer Fräsenspezialisten Erkat – zwar noch von Atlas Copco realisiert, aber schon kurz darauf zum Epiroc-Portfolio gehörend, – sei in dieser Hinsicht eine »gute Entscheidung« gewesen.

Erkat bleibt als Markenname

So habe man jetzt den Anspruch, »mit den exzellenten Erkat-Produkten und erweiterten Kapazitäten« unter Nutzung des Epiroc-Vertriebsnetzes weltweit zu wachsen. In den angestammten Erkat-Märkten, wie beispielsweise Deutschland, werden die Fräsen jedoch nach wie vor unter dem Markennamen Erkat vertrieben. Weshalb es auf der Bauma auch einen eigenen Erkat-Stand geben wird. »Das ist der Multibranding-Ansatz, den wir im Konzern verfolgen«, so Anja Kaulbach.

Grundsätzlich sieht man sich bei Epiroc mit dem Portfolio an Bagger-Anbaugeräten gut positioniert hinsichtlich der Zukunftsthemen Digitali­sierung, Automatisierung, Nachhaltigkeit oder Umweltverträglichkeit. So sei man bestrebt, die Hydraulikhämmer »immer leichter und leistungsstärker zu machen«, setzte man im Bereich Gewinnung unter Tage schon länger auf batterieangetriebene Lader und Bohrgeräte sowie auf Automatisierung.

»Das funktioniert auch«, so Stephan Ketteler, für den der Trend hin zu Hybrid- bzw. Batterieantrieben geht. Was die Bagger-Anbaugeräte von Epiroc betrifft, sollen diese künftig die Nutzung des Trägergerätes erhöhen, so Anja Kaulbach. »Wir werden mehr Applikationen für unsere Anbaugeräte anbieten, damit der Bagger noch flexibler und effizienter eingesetzt werden kann.«

»Bauma kommt zum optimalen Zeitpunkt«

So wird beispielsweise auf der Bauma auf dem rund 800 m² großen Freigeländestand – auf dem sich sechs Divisionen von Epiroc mit ihren Produkten präsentieren – eine neue Version der Abbruchzange CC 3100 vorgestellt, die jetzt einen zusätzlichen Arm fürs Pulverisieren hat und so anstatt mit zwei jetzt mit drei Armvarianten ausgestattet ist. Zu den weiteren Neuheiten gehören unter anderem die Abbruchzange CC 1600, der Multigreifer MG 1000 mit abnehmbarem Drehwerk (siehe auch Seite 128) oder eine neue Fräse von Erkat mit der Zusatzoption Schneidrad für Schneidtiefen von 150 mm bis 700 mm (siehe auch Seite 126).

Für Epiroc komme die Bauma jedenfalls »zum optimalen Zeitpunkt«, so Stephan Ketteler und Anja Kaulbach, sei man doch jetzt hinsichtlich des Produktportfolios »breit und gut aufgestellt«.

Relativ gelassen beurteilt Stephan Ketteler mögliche Auswirkungen aufgrund politischer oder wirtschaftlicher Turbulenzen. »Es wird immer Höhen und Tiefen geben im dem Segment, in dem wir Produkte herstellen«, so Stephan Ketteler. »Aber die Weltbevölkerung wächst, das ist Fakt. Weshalb mehr gebaut wird, die Urbanisierung nimmt weiter zu. Wir sind in unserer strategischen Ausrichtung flexibel aufgestellt. Und die Dinge, die wir beeinflussen können, die werden wir in Angriff nehmen.«    ß

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