Im Blickpunkt

45. VDBUM-Großseminar: »Müssen den Wert unserer Produkte und Bauwerke in den Augen der Öffentlichkeit steigern«

Von Michael Wulf

Für den VDBUM-Vorsitzenden steht es außer Frage, dass der Arbeit in einem Bauunternehmen die gleiche Wertschätzung entgegengebracht werden müsse wie der Tätigkeit in einer Automobilfirma oder einem Elektronikunternehmen. »Es muss klar werden, wer diese tollen Brücken errichtet, wer behaglichen Wohnraum schafft oder wer sich letztendlich darum kümmert, dass wir auch zu Hause eine schnelle Internetverbindung haben«, sagte Peter Guttenberger in seiner Eröffnungsrede. »Es sind immer wieder Baufachleute mit ihrer ganzen Bandbreite an Fachkenntnissen, vom Bauingenieur über den Facharbeiter bis hin zum Geräteführer und der Wartungsmannschaft, die dies alles bewerkstelligen.«

Um dieses zu verdeutlichen, müsse man Begeisterung generieren und die Rahmenbedingungen schaffen, mit denen die Bedürfnisse der Mitarbeiter berücksichtigt werden, so Guttenberger weiter. »Wir müssen unter anderem ansprechende und ergonomische Arbeitsplätze auf der Baustelle, in der Produktionshalle, in der Werkstatt und natürlich auch auf oder in der Maschine schaffen. Zudem müssen wir an Arbeitszeitmodellen arbeiten, die dem Zeitgeist angepasst sind, eine gute Aus- und Weiterbildung bieten und uns um eine leistungsgerechte Bezahlung bemühen.« Dies alles seien zwingend erforderliche Bausteine für die Motivation und die Identifikation von Mitarbeitern mit »ihrem« Unternehmen. »Würde ein Baumaschinenschlüssel auf dem Tisch im Bistro die gleiche Aufmerksamkeit hervorrufen, wie der Schlüssel eines Ferrari oder Porsche, dann müsste uns um die Anerkennung der Bauberufe nicht mehr bange sein.«

»Ein vielversprechendes Bild«

Bange ist dem VDBUM-Vorsitzenden auch nicht vor dem laufenden Geschäftsjahr. Denn betrachte man die Prognosen verschiedener Experten der Branche, betonte Guttenberger, dann sollte dieses Baujahr ein Erfolg versprechendes sein. »Ein gesteigerter Bedarf an Wohnraum, die Bereitschaft des Staates, endlich mehr Geld für den Erhalt und den Ausbau unserer Infrastruktur bereitzustellen, immer noch günstige Zinsen, um Investitionen tätigen zu können, sowie eine noch nie dagewesene Kaufkraft und Kaufbereitschaft, welche Investitionen in Logistik- und Industrie-Immobilien begünstigt, fügen sich zu einem vielversprechenden Bild«, sagte Guttenberger.

»Z-Parts plus« als Serviceneuheit

Ein nicht ganz so rosarotes Bild wollte Peter Gerstmann malen, der als Zeppelin-Konzernchef und damit als Gastgeber des ersten Seminarabends in seiner Rede doch einige Kritik übte an der aus seiner Sicht immer noch zu geringen Investitionsbereitschaft der Öffentlichen Hand. »Die großen Investitionen in die Infrastruktur, die uns schon lange versprochen worden sind, kann ich so immer noch nicht sehen«, sagte Gerstmann, der in diesem Zusammenhang betonte: »Wir könnten noch viel mehr leisten, wenn man uns nur ließe. Deshalb wünsche ich mir in Zukunft mehr Unterstützung von der Politik für die Baubranche.«

Dass in Zukunft die Verbesserung der »Performance« des Maschinen- und Fuhrparks eine Schlüsselrolle einnimmt, darauf wies Michael Heidemann als Vorsitzender der Geschäftsführung von Zeppelin Baumaschinen hin. »Getreu unserem Motto ›Zeppelin – We create solutions‹ bieten wir unseren Kunden innovative Lösungen zur Steigerung der Produktivität von Mensch und Maschine an«, sagte Heidemann in seinem Managementvortrag. Als Beispiele nannte er unter anderem mit Steuerungen von SITECH ausgerüstete Bagger und Raupen, die so wesentlich effizienter arbeiteten. Zudem reduzierten Radlader, Bagger oder Raupen von Caterpillar mit stufenlosen, leistungsverzweigten Getrieben, Hybridtechnologie oder dieselelektrischen Antrieben den Kraftstoffverbrauch um bis zu 25 % – und das bei erhöhter Leistung. Eine »absolute Neuheit« im Bereich der individuellen Serviceangebote von Zeppelin sei Z-Parts plus, so Heidemann. Dabei hätten die Kunden die Möglichkeit, bei fälliger Inspektion die notwendigen Ersatzteile ohne einen eigenen Bestellvorgang zu beziehen, da die Maschine die aktuellen Betriebsstunden selbstständig melde und die Bestellung der Ersatzteile sozusagen von der Maschine selbst automatisch ausgelöst werde. »Langfristig planen wir, unser Servicekonzept komplett zu digitalisieren«, so Heidemann.


Digitalisierung nimmt Fahrt auf

Als Technologiepartner für die Baumaschinenindustrie präsentierte sich beim VDBUM-Seminar auch die Topcon Positioning Group, die als Spezialist für Positionierung und Automatisierung von Prozessen eine offene Zusammenarbeit mit allen Herstellern von Maschinen anbietet. Nach wie vor allerdings sei die Bauwirtschaft die schwächste Industrie in puncto Automatisierung und Produktivitätssteigerung, erläuterte Ulrich Hermanski (Vice President Construction Business EMEA) in seinem Management-Vortrag. Doch es stimme ihn zuversichtlich, dass im vergangenen Jahr die Digitalisierung der Arbeitsprozesse auch in der Bauindustrie mehr Fahrt aufgenommen habe, weshalb er auf der Bauma mit einem weiteren Entwicklungsschub rechne.

Einige dieser Neuigkeiten stellte in Willingen Wolfram Voigt vor, Sales Manager Construction Topcon Europe. Zu den neuesten Ergänzungen des Automatisierungs-Portfolios gehören unter anderem 3D-Steuerungen für Bohrlafetten, Baggersteuerungen mit Total­stationen und Inertialsensoren oder Wiegesysteme für Radlader, GPS-Steuerungen für die Kontrolle von Lastkranen und der Einsatz von IMU genannten Trägheitssensoren, die mit 100 Hz eine höhere Messfrequenz aufweisen als die bislang üblicherweise verwendeten Neigungssensoren.

Förderpreise in drei Kategorien verliehen

Zu den Höhepunkten des 45. VDBUM-Seminars zählte zweifelsohne die Verleihung des Förderpreises in den drei Kategorien »Innovationen aus der Praxis«, »Entwicklungen aus der Industrie« und »Projekte aus Hochschulen und Universitäten«, der jeweils mit 2 500 Euro dotiert ist. Die Preisträger in diesem Jahr sind Bauer Maschinen, Fritzmeier Systems mit einem dazugehörigen Cluster von insgesamt neun Firmen sowie die Universität Kassel (Institut für Bauwirtschaft).

Bauer Maschinen (Schrobenhausen) wurde in der Kategorie »Innovationen aus der Praxis« für ein neues Sicherheitskonzept für Bohrgeräte ausgezeichnet. Mit dem ist es jetzt möglich, die hydraulischen Anschlüsse am Drehbohrgetriebe ohne Steighilfen vom Boden aus anzukuppeln. Das Verbolzen des Vorschubschlittens am Mast sowie das Aufstellen des Mastkopfs ­erfolgen hydraulisch, sodass sich Mitarbeiter außerhalb des Gefahrenbereichs befinden. Eine weitere Innovation sind die ausziehbaren Serviceplattformen ­sowie ergänzend die klappbaren Absturzsicherungen am Oberwagen. Kameras zur Rückraumüberwachung komplettieren die Sicherheitsausrüstung.

»Genius Cab« mit Zulieferernetzwerk

Das Team »Concept Cab Cluster« um die Firma Fritzmeier Systems (siehe auch bauMAGAZIN 3/2016, Seite 81) hat den Förderpreis in der Kategorie »Entwicklungen aus der Industrie« für die Entwicklung der Konzeptkabine »Genius Cab« erhalten. Unter Einbindung von Maschinenbedienern, Maschinenverleihern, Zulieferern und Forschungseinrichtungen entstand die Vision einer zukunftsweisenden Baumaschinenkabine. Neben den Innovationen einzelner Komponenten liegt die Besonderheit in der funktionalen Verknüpfung des großen Zulieferernetzwerks. Die »Genius Cab« ist in der Kategorie Design auch für den Bauma-Innovationspreis nominiert worden.

In der Sparte »Projekte aus Universitäten und Hochschulen« setzte sich das Institut für Bauwirtschaft der Uni Kassel mit einer Studie zum Einsatz von BIM (Building Information Modeling) und Simulation zur Planung von Baustelleneinrichtungen durch, die von Dr. Habeb Astour im Rahmen seiner Promotionsarbeit erstellt wurde. Diese BIMBeP genannte Studie soll innerhalb der Arbeitsvorbereitung durch die zuständigen Mitarbeiter eines Bauunternehmens zur Entscheidungsvorbereitung und zur Optimierung des Maschineneinsatzes auf der Baustelle sowie zur Verminderung der Kosten eingesetzt werden.

Gastredner Clement lobt Kanzlerin Merkel

Zuvor hatte Wolfgang Clement, von 1998 bis 2002 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und von 2002 bis 2005 Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, als Gastredner die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel gelobt. »Ich war stolz, dass sie nicht zugeschaut hat, denn Menschen haben ein Recht auf Schutz«, so Clement, für den die Frage, wie die Flüchtlingskrise gelöst werden kann, »eine existenzielle Frage für die Zukunft Europas ist«. Seiner Ansicht nach würde die Wirtschaft »erheblich geschädigt« durch Grenzschließungen. »Was Frau Merkel versucht, ist absolut richtig und die einzige vernünftige Lösung.« Große Kritik dagegen übte der frühere SPD-Politiker an der Energiewende nach dem Reaktorunglück in Fukushima, denn: »Die Energiewende ist absolut unsinnig und vernichtet Vermögen.«

Wolfgang Clement sprach sich aufgrund der demografischen Entwicklung zudem für ein Zuwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild aus und dafür, dass es im deutschen Bildungswesen eine grundlegende Korrektur geben müsse. »Dort haben wir ein massives Gerechtigkeitsproblem, und diese Chancengerechtigkeit muss wieder hergestellt werden.« Deshalb plädiere er dafür, so Clement, »den Solidaritätszuschlag in eine Bildungsabgabe umzuwandeln«.

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