Liebherr Werk Telfs GmbH Das große Ganze

Lesedauer: min | Bildquelle: Liebherr Werk Telfs
Von: Thomas Seibold

Trotz – oder gerade wegen – des imposanten Bauma-Auftritts ließ es sich Liebherr ein halbes Jahr später nicht nehmen, Journalisten aus aller Welt im Rahmen der traditionellen Baufachpressefahrt ergänzend ein praxisnahes Technik-Update zu geben. Konkret standen die Lösungen für die Bereiche Erdbewegung und Materialumschlag im Fokus. Entsprechend ging es dieses Mal in das österreichische Werk in Telfs, die Geburtsstätte von Liebherr-Planierraupen der Generation 8 und Teleskopladern der Generation 6. Auch die Redaktion des bauMAGAZIN war mit dabei und konnte sich vor Ort nicht nur von einer hohen Fertigungstiefe überzeugen, sondern auch ein Gefühl dafür bekommen, wie sich die Maschinen in echt, via Liebherr-Remote- Control-System (»LiReCon«) und im Simulator bedienen lassen.

Bereits im Vorfeld war klar, dass bei dieser internationalen Baufachpressefahrt über den technischen Bereich hinaus an Schauwerten nicht gegeizt wird. Denn der Standort Telfs in Tirol am Fuß der 2 662 m hohen »Hohe Munde« ist aufgrund seiner Lage sommers wie winters auch bei Touristen beliebt. Zudem war die Unterbringung im nahegelegenen Interalpen-Hotel Tyrol organisiert. Dieses gehört seit seiner Eröffnung im Jahre 1985 zu Liebherr und ist Teil von einem der insgesamt 13 Geschäftsbereiche der Firmengruppe (das bauMAGAZIN berichtete in Ausgabe 12/24 ab Seite 18). In dem Zusammenhang war es quasi selbstverständlich, dass sowohl im Hotel als auch im Telfser Werk Liebherr-Kühlschränke zu finden waren. Warum das erwähnt wird? Bereits daran wird offensichtlich, wie wichtig bei Liebherr der Blick aufs Ganze ist und wie sich Effizienzgewinne durch das Zusammenspiel ineinandergreifender Lösungen ­ergeben.

Das wurde im Anschluss vor allem bei der Pressekonferenz mit Steffen Günther, Managing Director und Mitglied des Direktoriums der Liebherr-International AG, Joachim Strobel, Managing Director Sales Liebherr-EMtec GmbH, und Martin Längle, Managing Director Sales Liebherr-Werk Telfs GmbH, bei der Präsentation der Halbjahreszahlen deutlich. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen konnte zur Jahresmitte mit einem Gesamtumsatz von 7,08 Mrd. Euro ein Plus von 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erzielt werden.

Hier zahlte sich die Strategie der vielen Standbeine aus: Rückgänge in einigen Geschäftsbereichen ließen sich durch Zuwächse in anderen ausgleichen. Da nach Erscheinen dieser ­bauMAGAZIN-Ausgabe demnächst die ­Gesamtzahlen für 2025 vorliegen werden, wird sich zeigen, ob das seit 2021 kontinuierliche Wachstum mit einem abermaligen Rekordumsatz fortgeführt wird. Liebherr ist sich durchaus der schwierigen Lage in den Geschäftsjahren 2025/2026 bewusst und legt auch nach zehn Jahren Wachstum der Baubranche die Hände nicht in den Schoß: Die Zeit werde entsprechend genutzt, um sich auf die nächste Wachstumsphase vorzubereiten. Aus technischer Sicht unternimmt Liebherr jedenfalls alles dafür, soviel sei als Fazit des Besuchs in Telfs schon vorweggenommen.

Standort Telfs wird 50 Jahre alt

Ein Wort zum Standort an sich: Dieser feiert 2026 übrigens sein 50-jähriges Bestehen. Gegründet wurde die Liebherr-Werk Telfs GmbH für die Serienfertigung von Planierraupen im Jahr 1976. Bereits zwei Jahre später konnte die erste hydro­statisch angetriebene Laderaupe präsentiert werden. Seitdem wird das Portfolio permanent an die Anforderungen der Branche angepasst und ausgebaut. Heute umfasst es sieben Planierraupentypen, zwei Laderaupenmodelle, verschiedene Teleskoplader, darunter seit 2018 auch alle Modelle der »Scorpion«-Reihe von Claas, und Rohrleger für den Pipelinebau. Jährlich verlassen rund 3 000 Maschinen das Werk. Auch in den Standort selbst wird investiert: 2023 wurde ein neues Logistikzentrum mit vollautomatisiertem Lagersystem in Betrieb genommen (das bauMAGAZIN berichtete in Ausgabe 09/23 ab Seite 18). Zum Zeitpunkt des Besuchs verfügte dieses über 41 180 Lagercontainer und 16 200 Europaletten. Und um die Produktion der Generation 8 zu unterstützen, hat Liebherr die Fertigungskapazitäten erweitert sowie die Montagelinien modernisiert und energieeffiziente Produktionstechnologien eingeführt.

»Hands on« für Praxiserfahrungen

Nach dem Rundgang durch das Lager ging es dann auch gleich vorbei am Paradestück der Generation 8 und größten Planierraupe im Portfolio: einer »PR 776«. Der Rundgang über den Auslieferungsbereich neuer Maschinen – laut Liebherr alle verkauft, auf Halde wird nicht produziert – führte zum »Hands on« und damit zum ersten Praxis­teil. Zur Verfügung standen ein 105 kW starker und 7,54 t schwerer Teleskoplader »T 38-7s« sowie zwei Raupen vom Typ »PR 726« (125 kW, 17,5 bis 20,8 t mit »LiReCon«) und »PR 736« (160 kW, 21,2 bis 25,5 t). Los ging es mit dem neuen Teleskoplader. Maschinen wie diese stehen derzeit hersteller­übergreifend bei den Kunden hoch im Kurs und stellen einen Wachstumsmarkt dar. Mit der Generation 6 will Liebherr sein Bekenntnis zu Leistung, Sicherheit und Bedienerkomfort unterstreichen. Nach der kurzen Testfahrt scheint dies in jeder Hinsicht gelungen zu sein, für intensivere Einsätze waren sowohl nicht ausreichend Zeit als auch Platz.

Soviel war zu bemerken: Der hydrostatische Fahrantrieb, ein charakteristisches Merkmal aller Liebherr-Teleskoplader, steht jedenfalls auch bei den Modellen der Generation 6 für eine hohe Wendigkeit und effiziente Kraftübertragung. Die Tragfähigkeit von bis zu 4,2 t bei den »S«-­Modellen wurde im Vergleich zu den Vorgängermodellen um bis zu neun Prozent erhöht. Diese Verbesserung unterstreicht die kontinuierliche Weiterentwicklung im Werk Telfs, wo die Liebherr-Ingenieure an jedem Detail gefeilt haben – von der hydraulischen Präzision bis zur strukturellen Steifigkeit. Die Kombination aus bewährten Komponenten mit intelligenten Assistenzsystemen bietet den Kunden daher »eine ideale Balance zwischen technologischem Fortschritt und langfristiger Zuverlässigkeit«.

Eine zentrale Rolle im Konzept der Generation 6 spielt die neu gestaltete Fahrerkabine. Trotz außenliegendem ROPS / FOPS-Gitter ist die Rundumsicht gelungen und auch beim Probesitzen kommt kein Engegefühl auf. Hilfreich beim Rangieren ist die optimierte Lenksäule: Sie benötigt nur 3,5 Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag. Auch in Sachen Bedienkomfort gibt sich die neue Kabine keine Blöße. Bei den »S«-Modellen ist der Joystick direkt in den Fahrersitz integriert und die Bedienung der Hydraulik erfolgte im Ersteindruck präzise. Funktionen wie »Auto Power«, welche die Motordrehzahl bedarfsabhängig automatisch anhebt, und die programmierbare Schaufelrückführung erleichtern zudem die Erledigung von wiederholenden Aufgaben.

Liebherr wies darüber hinaus auf weitere Verfeinerungen hin wie verbesserte Fußmatten, ein optimiertes Bremspedal und ein reduzierter Geräusch­pegel in der Kabine. Optional ist zudem eine Klimaanlage erhältlich, die mit einem größeren Frischluftfilter und einer optimierten Luftverteilung für Komfort bei allen Witterungsbedingungen sorgen soll. Zudem sind die Teleskoplader der Generation 6 mit LED-Beleuchtungssystemen für eine gleichmäßige Ausleuchtung des Arbeitsbereichs ausgestattet.

Deutlich mehr Raum stand anschließend den zwei Planierraupen »PR 726« und »PR 736« zur Verfügung, was natürlich ihrer Aufgabe geschuldet war: dem Herstellen eines möglichst präzisen Planums. Über das mit der Einführung der »PR 716« nun vollständige Programm an Maschinen der neuesten Generation 8 berichtete das bauMAGAZIN bereits in der Ausgabe 11/25 ab Seite 8. Damit hat Liebherr nun Maschinen sowohl für ein kompaktes, präzises Arbeiten als auch anspruchsvollste Schwerstarbeiten im Portfolio. Typische Einsatzszenarien der Raupen sind städtische In­frastrukturprojekte, Bergbauarbeiten, Straßenbau und Umweltprojekte.


Modellübergreifendes Highlight und zugleich ein Alleinstellungsmerkmal von Anfang an ist der hydrostatische Fahrantrieb der Liebherr-­Maschinen. Im Gegensatz zu traditionellen Systemen kommt dieser ohne Bauteile wie Drehmomentwandler, mehrstufige Getriebe, Betriebsbremsen und Lenkungskupplungen aus. Der Hydro­stat sorgt, soviel war festzustellen, für einen gleichmäßigen und ruckfreien Vortrieb ohne Schaltvorgänge. Das wirkt sich laut Liebherr positiv auf den Verbrauch, die Kraftübertragung und nicht zuletzt auch auf sämtliche Wartungsbelange aus.

In Kombination mit den integrierten Fahrerassistenzsystemen, der GNSS-Bereitschaft und den Eco-Modi der Maschinen kann der Fahrer seine Aufgaben vollautomatisch und mit hoher Genauigkeit ausführen. Im Testgelände war gut zu sehen und mitzuerleben, wie beispielsweise die Schaufelpositionierung für eine präzise Planierung automatisch gesteuert wird. Der Fahrer kann sich darüber hinaus über voll verstellbare, gefederte Sitze, eine fortschrittliche Klimatisierung, große Fenster für optimale Sicht und intuitive Touchscreen-Displays freuen.

Wie Liebherr außerdem mitteilte, verfügt die »PR 776« über fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme (OAS), die bisher nur bei kleineren Planierraupenmodellen verfügbar waren. Für ­Mining-Planierraupen sind zwei zusätzliche Pakete erhältlich: das Paket »Blade Control ­Assistance«, welches die Steuerung des Schildes ermöglicht, um die Leistung zu steigern und gleichzeitig die Ermüdung des Fahrers zu verringern, und das Paket »Ripper Control Assistance«. Damit werden sich wiederholende Ripper-Aufgaben automatisiert, um ebenfalls die Ermüdung des Fahrers zu verringern. Für die »PR 776« kann OAS als Erstausstattung konfiguriert werden oder nachträglich in bereits in Betrieb befindliche Maschinen eingebaut werden. Die Assistenzsysteme für alle Mining-­Maschinen sind im »IoMine«-Technologieportfolio verfügbar. Darüber hinaus wird 2026 ein neues »Load Control«-Paket, das auf den bestehenden Paketen aufbaut, für die »PR 776« auf den Markt kommen. Dieses wurde entwickelt, um die Traktion zu maximieren, das Durchrutschen der Ketten zu reduzieren und eine gleichbleibende Leistung bei unterschiedlichen Bodenbedingungen zu gewährleisten.

Hohe Fertigungstiefe

Nach den beeindruckenden Live-Erlebnissen ging es anschließend ins Werk, um den Entstehungsprozess der Teleskoplader und Planierraupen zu verfolgen. Diese werden in zwei Produktionslinien hergestellt – und zwar jeweils nach Auftragseingang und nicht nach Modelltyp, und das in den unterschiedlichsten Ausführungen und Farben für Kunden weltweit. Wie hoch die Fertigungstiefe ist, davon zeugten bereits die vor dem Werk gelagerten massiven Stahlplatten. Diese werden anschließend mittels Laser- und Brennschneiden, Fräsen, Bohren und Schleifen präzise in Form gebracht.

Das Schweißen der Rahmen und Schildkomponenten erfolgt sowohl an robotergestützten als auch manuellen Schweißstationen. In den Montagelinien finden die unterschiedlichen Komponenten und Ausführungen schließlich zusammen. Nach und nach entstehen so aus »Metallgerippen« funktionsfähige Maschinen. Diese werden anschließend penibel sowohl auf Funktion als auch Optik untersucht und dann an die Kunden ausgeliefert.

Am zweiten Tag in Telfs wartete dann noch ein besonderes Highlight: Liebherr stellte das auf der Bauma mit dem Innovationspreis 2025 in der Kategorie »Digitalisierung« prämierte System »Liebherr Autonomous Operations« in Verbindung mit der Webapplikation »Autonomous Job Planner« im Praxiseinsatz vor. 200 km von Telfs entfernt stand dazu ein Radlader in einem Steinbruch, beobachtet von mehreren Kameras via Live-Feed. Die Maschine wartete nur darauf, nach Definition des Aktionsgebiets und der Aufgabe – gefordert war das Abtragen eines Erdhaufens bis zum Erreichen eines bestimmten Gewichts – nach einem Mausklick den Motor zu starten und loszulegen, was sie anschließend problemlos tat. Es war faszinierend zu sehen, wie der Radlader seine Fahrtwege mittels KI selber plant, um das jeweils beste Ergebnis zu erzielen. Auf dem Monitor konnten zudem der jeweilige Status des Auftrags wie auch der aktuelle Kraftstoffverbrauch und -vorrat mitverfolgt werden.

Anschließend spielten Echtbild-Kameras und zusätzliche Mikrofone eine weitere wichtige Rolle, als es darum ging, »LiReCon« von Liebherr zu testen – und zwar mit den bereits vorher live gefahrenen Planierraupen sowie einem Bagger, der separat dafür zur Verfügung stand. Am Teleoperationsstand musste zur Steuerung zwischen den Maschinen nur kurz umgeschaltet werden. Die Bedienung der Planierraupe erfolgte im Vergleich zur vorigen Fahrt vom Fahrersitz aus ohne spürbaren Unterschied. Dank der schnellen ­Datenübertragung wird die Fernsteuerung Teil der automatisierten Arbeit, da die bereits erwähnten Assistenzsysteme den Bediener natürlich auch via »LiReCon« entlasten und relevante Maschinendaten in Echtzeit visualisieren.

Dass dabei der Maschinenlärm nicht unbedingt Teil der Arbeit sein muss, war auch für Liebherr ein interessantes Feedback aus der Praxis:

Viele Fahrer schalten die Außenmikrofone anfangs aus Gewöhnung zu, aber nach ein oder zwei Tagen wieder ab. Die ansonsten vorhandenen Vibrationen und der Staub sind dazu überhaupt kein Thema. Über den Bedienkomfort hinaus leistet »LiReCon« daher auch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Sicherheit. Das betrifft risikoreiche Arbeiten beispielsweise in Steinbrüchen, Aufräumarbeiten nach einem Hangrutsch oder wie beim österreichischen Heer, wo Brandschutzarbeiten in einem potenziellen Blindgängergebiet mit einer Planierraupe durchgeführt werden. Nicht zuletzt können die unterschiedlichsten Liebherr-Maschinen völlig gefahrlos in einem Simulator bedient werden. Dort lassen sich die grundsätzliche Bedienung der Maschinen und deren Verhalten realitätsnah erlernen, bevor es in den Fahrersitz geht.

Greif- und erlebbare Technik

Alles in allem könnte das Fazit dieser Baufachpressefahrt nicht positiver sein: Liebherr hat es auch dieses Mal wieder geschafft, eine Vielzahl technischer Lösungen greif- und erlebbar zu machen. Es wurde zudem unter Beweis gestellt, dass futuristisch klingende Themen, wie die Fernsteuerung tonnenschwerer Baumaschinen oder autonom fahrende Baufahrzeuge, bereits praxistauglich sind und bei Kunden auf diese Weise auch schon eingesetzt werden. Wie gut die Lösungen ineinandergreifen, wurde am Gesamtauftritt des Standorts in Telfs mit seiner modernen Produktion in Verbindung mit einer hohen und kundenorientierten Flexibilität in der Fertigung aufgezeigt.s

Firmeninfo

Liebherr-Werk Telfs GmbH

Hans-Liebherr-Straße 35
6410 Telfs

Telefon: +43 50809 61-00

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