bauMagazin Kolumne »Ein fauler Haufen jammernder Weicheier!«

Lesedauer: min | Bildquelle: bauMagazin
Von: Dan Windhorst

Generation Z wirkt wie eine von Oma verhätschelte Perserkatze, die im Grunde keiner leiden kann, die aber alle zehn Minuten neue Streicheleinheiten benötigt. Die Rede ist von jungen Menschen, die sich ihren Beruf aufgrund abstruser Wertevorstellungen so angenehm wie nur irgend möglich gestalten möchten. Work-Life-Balance, Homeoffice, Vier-Tage-Woche, weniger Stress, mehr Mitbestimmung und Sabbatical. Das sind Begriffe, die so manchem Bauunternehmer da draußen die zweite Herzklappe bescheren. Man sitzt da in seinem Bauwagen, schaut diesem 16-jährigen Azubi in die Augen und fragt sich: Mit wie viel Lack muss sich dieser Kerl bitte schön die Rinne verzinkt haben, um derart weltfremde Berufsvorstellungen zu haben?! Im Klartext heißt das: Der Nachwuchs der Baubranche gleicht einem Fiebertraum! Und wissen Sie, was das wahrlich Beste an dieser These ist? Sie ist erstunken und erlogen…

Generation Z wirkt wie eine von Oma verhätschelte Perserkatze, die im Grunde keiner leiden kann, die aber alle zehn Minuten neue Streicheleinheiten benötigt. Die Rede ist von jungen Menschen, die sich ihren Beruf aufgrund abstruser Wertevorstellungen so angenehm wie nur irgend möglich gestalten möchten. Work-Life-Balance, Homeoffice, Vier-Tage-Woche, weniger Stress, mehr Mitbestimmung und Sabbatical. Das sind Begriffe, die so manchem Bauunternehmer da draußen die zweite Herzklappe bescheren. Man sitzt da in seinem Bauwagen, schaut diesem 16-jährigen Azubi in die Augen und fragt sich: Mit wie viel Lack muss sich dieser Kerl bitte schön die Rinne verzinkt haben, um derart weltfremde Berufsvorstellungen zu haben?! Im Klartext heißt das: Der Nachwuchs der Baubranche gleicht einem Fiebertraum! Und wissen Sie, was das wahrlich Beste an dieser These ist? Sie ist erstunken und erlogen…

Jede Generation hält die nächste für verloren

In der Baubranche heißt es: »Diese jungen Typen kannst du einfach nicht gebrauchen. Sie sind faul, haben kein Rückgrat und ertragen keine körperliche Belastung.« Aber das sind tatsächlich Vorurteile. Zugegeben, dieses Thema ist hochkomplex. Und bevor ich mit wohlklingenden Argumentationsketten um mich schmeiße, muss eines klargestellt werden: Wir sprechen hier nicht vom »schwarzen Schaf« – das findet sich immer. Ich spreche vielmehr von der gesamten Generation, die sich jetzt gerade in unserer Branche eine berufliche Zukunft aufbaut. Und wir, die alten Säcke, erklären den kompletten »Haufen« in illustrer Runde zu nutzlosen Jammerlappen. Aber warum ist das so? Und die erste tiefenpsychologische Erkenntnis lautet: Jede Generation hält die nächste für verloren. Es ist vollkommen egal, ob wir von Babyboomern, Millennials oder Generation Z sprechen – das Muster ist immer gleich: Wir verurteilen die Jugend auf die exakt gleiche Weise, wie es unsere Väter, Großväter und Ur-Großväter schon getan haben: »Die können nichts, die sind nichts – alles geht den Bach runter.«

Was Opa noch wusste: »Früher war alles besser«

Und was waren das nicht alles für heroische Geschichten: »Früher mussten wir noch 60 Stunden am Stück im Dunkeln schuften – ohne Wochenende, Mittagspause und Krankenschein.« Bei all diesen selbstgefälligen Floskeln müsste man ja fast schon meinen, dass unsere Großväter den glühenden (Krupp-)Stahl damals noch mit der Hand gebogen haben. Das Phänomen lässt sich psychologisch erklären: Statt auf Fakten zurückzublicken, erinnern sich Menschen stark verzerrt an ihre eigene Jugend. Im Rückblick erscheint alles viel anstrengender, härter und moralischer, als es tatsächlich war. Genannt wird das auch »Rosy retrospection«. Der Grund dafür ist Selbstwert-Schutz. Um sich rückblickend nicht eingestehen zu müssen, dass wir in jungen Jahren dieselben Jammerlappen waren, stabilisieren wir unser Selbstbild damit, uns in ein positiveres Licht zu rücken. Dazu kommt noch eine weitere interessante Komponente – die Normverschiebung. Und ab hier wird es wirklich witzig. Beispielsweise galten Überstunden früher als Tugend, heute hat wiederum Work-­Life-Balance einen hohen Stellenwert. Solche Normverschiebungen werden gern als moralischer Verfall interpretiert.

Kein Leistungsabfall, sondern Prioritätensetzung

Die Erklärung dafür, warum junge Menschen heute so stringent ihre persönlichen Werte verteidigen, ist, dass sie die Dinge weit realistischer hinterfragen. Warum genießt mein Chef unabdingbare Loyalität? Warum ist es unhöflich, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen? Und wie zur Hölle soll ich es als Dachdecker, Maurer oder Maschinist bitte schön bis zu meinem Renteneintrittsalter mit 70 Jahren schaffen, nachdem ich drei Bandscheibenvorfälle, Gicht in den Fingern und zwölf gelegte Stents hinter mir habe? Und vor allem: Wofür? Wer genau steht am Ende meines Lebens an meinem Totenbett, klopft mir auf die Schulter und sagt: »Gut gemacht, mein Junge. Niemand hat die Dachpfannen so gut geworfen wie du!« Seien wir doch mal ehrlich: Die Generation Z hat begriffen, dass viele Arbeits- und Denkweisen von früher schlichtweg schwachsinnig sind. Am Bau zu arbeiten, geht mit jahrzehntelangem, körperlichem Verschleiß einher. Der Rücken ist im Arsch, die Knie kaputt, und wenn Gen Z dann nach Knieschonern oder ergonomischen Sitzen fragt, wird ihr direkt das Weich­ei-Syndrom diagnostiziert. Ich meine, jetzt mal ehrlich: Unsere Väter haben jahrzehntelang auf eine Brille verzichtet, weil das »doof aussieht«. Die waren stockblind und haben eine solche Behinderung ertragen, weil sie Angst hatten, dass sie jemand auf der Baustelle als Brillenträger auslachen könnte. Verstehen Sie, was ich meine? Die jungen Leute tun aktuell nichts anderes, als mit ineffizienten, dummen und überholten Wertevorstellungen zu brechen. Gut, der jetzt nachfolgende Vergleich ist etwas reißerisch, aber er bringt den Denkfehler auf den Punkt: Früher hat man Zehnjährige mit einer Spitzhacke in den Bergwerksstollen geschickt. Spätestens mit 30 waren die halb invalide oder tot. Und dann kam einer dieser jungen »Tunichtgute« und hat nach Handschuhen, einer Stirnlampe und einem Presslufthammer gefragt, um sich die Arbeit zu erleichtern. Und die Reaktion vom Steiger war: »Jammer nicht rum! Als ich in deinem Alter war, haben wir die Kohlebrocken noch mit den Zähnen aus dem Gestein gebissen!«


Die Vorwürfe sind empirisch kaum haltbar

Die Pointe ist: Aktuelle Zahlen belegen, dass die Gen Z zwar ihre Arbeitswerte verschoben hat, nicht aber ihre Leistungsfähigkeit. Tatsächlich ist die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 24-Jährigen so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Sogar die bevorzugten Arbeitszeiten haben sich kaum bis gar nicht geändert. Da wir schon dabei sind: Die heutige Jugend merkt gleichzeitig, dass sie die Versäumnisse und Fehler vorangegangener Generationen ausbaden darf. Das beginnt beim steigenden Renteneintrittsalter, da die Kassen schlichtweg leer geplündert wurden, reicht über die Zerstörung unserer Umwelt und führt zu einer geopolitischen Entwicklung, in der 80-, 72- und 73-jährige Staatsoberhäupter (Trump, Xi, Putin) alle moralischen Werte in die Tonne treten und unsere Kinder dazu zwingen, sich wieder mit Sturmgewehren zu bewaffnen und Atomschutzbunker zu bauen. Im Grunde muss sich Gen Z die Frage stellen: Wie selten dämlich haben sich unsere Väter und Großväter bitte schön angestellt? Und warum müssen wir die Staatsschulden, die Zerstörung und all die Versäumnisse jetzt ausbaden? Abschließend lässt sich festhalten: Keiner von uns sollte Faulheit tolerieren – das können wir uns schlichtweg nicht leisten. Wir dürfen aber auch nicht den Fehler machen, flächendeckende Vorverurteilung zuzulassen. Dieses vergiftete Halbwissen führt dazu, dass junge Menschen in Scharen vor der Baubranche davonlaufen. Und das, obwohl irgendwer von denen später unser Altenheim bauen muss… d

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