Kein Leistungsabfall, sondern Prioritätensetzung
Die Erklärung dafür, warum junge Menschen heute so stringent ihre persönlichen Werte verteidigen, ist, dass sie die Dinge weit realistischer hinterfragen. Warum genießt mein Chef unabdingbare Loyalität? Warum ist es unhöflich, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen? Und wie zur Hölle soll ich es als Dachdecker, Maurer oder Maschinist bitte schön bis zu meinem Renteneintrittsalter mit 70 Jahren schaffen, nachdem ich drei Bandscheibenvorfälle, Gicht in den Fingern und zwölf gelegte Stents hinter mir habe? Und vor allem: Wofür? Wer genau steht am Ende meines Lebens an meinem Totenbett, klopft mir auf die Schulter und sagt: »Gut gemacht, mein Junge. Niemand hat die Dachpfannen so gut geworfen wie du!« Seien wir doch mal ehrlich: Die Generation Z hat begriffen, dass viele Arbeits- und Denkweisen von früher schlichtweg schwachsinnig sind. Am Bau zu arbeiten, geht mit jahrzehntelangem, körperlichem Verschleiß einher. Der Rücken ist im Arsch, die Knie kaputt, und wenn Gen Z dann nach Knieschonern oder ergonomischen Sitzen fragt, wird ihr direkt das Weichei-Syndrom diagnostiziert. Ich meine, jetzt mal ehrlich: Unsere Väter haben jahrzehntelang auf eine Brille verzichtet, weil das »doof aussieht«. Die waren stockblind und haben eine solche Behinderung ertragen, weil sie Angst hatten, dass sie jemand auf der Baustelle als Brillenträger auslachen könnte. Verstehen Sie, was ich meine? Die jungen Leute tun aktuell nichts anderes, als mit ineffizienten, dummen und überholten Wertevorstellungen zu brechen. Gut, der jetzt nachfolgende Vergleich ist etwas reißerisch, aber er bringt den Denkfehler auf den Punkt: Früher hat man Zehnjährige mit einer Spitzhacke in den Bergwerksstollen geschickt. Spätestens mit 30 waren die halb invalide oder tot. Und dann kam einer dieser jungen »Tunichtgute« und hat nach Handschuhen, einer Stirnlampe und einem Presslufthammer gefragt, um sich die Arbeit zu erleichtern. Und die Reaktion vom Steiger war: »Jammer nicht rum! Als ich in deinem Alter war, haben wir die Kohlebrocken noch mit den Zähnen aus dem Gestein gebissen!«
Die Vorwürfe sind empirisch kaum haltbar
Die Pointe ist: Aktuelle Zahlen belegen, dass die Gen Z zwar ihre Arbeitswerte verschoben hat, nicht aber ihre Leistungsfähigkeit. Tatsächlich ist die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 24-Jährigen so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Sogar die bevorzugten Arbeitszeiten haben sich kaum bis gar nicht geändert. Da wir schon dabei sind: Die heutige Jugend merkt gleichzeitig, dass sie die Versäumnisse und Fehler vorangegangener Generationen ausbaden darf. Das beginnt beim steigenden Renteneintrittsalter, da die Kassen schlichtweg leer geplündert wurden, reicht über die Zerstörung unserer Umwelt und führt zu einer geopolitischen Entwicklung, in der 80-, 72- und 73-jährige Staatsoberhäupter (Trump, Xi, Putin) alle moralischen Werte in die Tonne treten und unsere Kinder dazu zwingen, sich wieder mit Sturmgewehren zu bewaffnen und Atomschutzbunker zu bauen. Im Grunde muss sich Gen Z die Frage stellen: Wie selten dämlich haben sich unsere Väter und Großväter bitte schön angestellt? Und warum müssen wir die Staatsschulden, die Zerstörung und all die Versäumnisse jetzt ausbaden? Abschließend lässt sich festhalten: Keiner von uns sollte Faulheit tolerieren – das können wir uns schlichtweg nicht leisten. Wir dürfen aber auch nicht den Fehler machen, flächendeckende Vorverurteilung zuzulassen. Dieses vergiftete Halbwissen führt dazu, dass junge Menschen in Scharen vor der Baubranche davonlaufen. Und das, obwohl irgendwer von denen später unser Altenheim bauen muss… d