Normalerweise sind Sportwagen seine Oberfläche, doch diesmal war der Oberwagen des Mobilbaggers die Leinwand für René Turrek. Die Baumaschine gehört zum Fuhrpark des Bauunternehmens Vollmer. Geschäftsführender Gesellschafter Mark Metzger wollte das Ju-biläum nicht nur mit einer 90er-Jahre-Sommer-Beachparty feiern, sondern es sollte eine blei-bende Erinnerung an den Meilenstein der Firmengeschichte auf den Baustellen sichtbar blei-ben. Da kam es ihm gelegen, dass Gerald Weisser, Vertriebsleiter von Höcker Polytechnik, ein neues Objekt für René Turrek suchte, der mal „was richtig Großes“ zu einem Kunstwerk gestalten wollte. Höcker Polytechnik baut Lackier- sowie Absauganlagen und hat den Künst-ler schon öfter im Zuge des Influencer-Marketings unterstützt, damit er einen Porsche oder BMW veredeln konnte. „Ich kenne nur einen, der seine Baumaschinen pfleglich behandelt und der infrage kam“, so Gerald Weisser, der dem Bauunternehmer den Vorschlag unterbrei-tete, aus dem Arbeitsgerät einen Art-Bagger zu machen. Da das Bauunternehmen zu diesem Zeitpunkt bereits bei der Zeppelin Niederlassung Paderborn einen neuen Cat M322 bestellt hatte, passte alles zusammen.
Doch wo lackiert man einen 28-t-Bagger, wenn dafür eine staubfreie Umgebung nötig ist? Wilhelm Wellmeyer Fahrzeugbau bot dafür eine befahrbare Retrofit-Kabine von Höcker Poly-technik an, in der sonst Lkw ihren letzten Schliff erhalten. „Wir bauen viele industrielle La-ckierkabinen. Diese war aufgrund der Spurweite und Größe geeignet, weil der Bagger rein-fahren konnte, auch wenn es Zentimeterarbeit war. Außerdem konnte sie sein Gewicht auf-nehmen“, so Gerald Weisser. Über Gitterroste wird ein gerichteter Luftstrom erzeugt. Die Luft wird von außen angesaugt, durch Feinfilter gereinigt und auf die gewünschte Temperatur erwärmt. Anschließend wird die konditionierte Luft im Deckenbereich eingeblasen, um einen laminaren, vertikalen Luftstrom für optimale Absaugbedingungen zu erzeugen.
Nachdem das Schleifen und Abkleben beendet war, wurden die Motive mit einem umwelt-freundlichen und lösemittelarmen Lack per Spraydose aufgebracht und dann mit einer Klar-lackversiegelung versehen. Der Prozess ist auf dem Instagram-Kanal des Art-Car-Künstlers dokumentiert. Dort zeigt er auch einzelne Schritte der Umsetzung, die mehrere hundert Stun-den in Anspruch nahmen, und erklärt: „Ich gehe da ohne großen Plan ran. Erst durch die ge-füllten Flächen wird mir bewusst, wie das Artwork aussehen wird“, so René Turrek, der bei diesem Vorhaben komplett freie Hand hatte.
„Er hatte mein volles Vertrauen. Einzige Vorgabe: Es musste mit den 90er-Jahren zu tun ha-ben. Es gibt zwar ein paar Videos auf dem Instagram-Kanal des Künstlers, in denen er kleine Einblicke in den Entstehungsprozess gab. Doch ich wusste bis zu unserer 90er-Jahre-Sommer-Beachparty nicht, wie der Bagger aussieht. Die Enthüllung war eine riesige Überra-schung. Als ich die Folie entfernte und das Design zum Vorschein kam, war ich sofort begeis-tert“, sagt Mark Metzger über den Moment, über den René Turrek auf seinem Instagram-Account postete: „Allein dafür lohnt es sich, Künstler zu sein.“ Er wollte mit dem Kunstwerk positive Erlebnisse auf die Baustelle bringen. „Vielleicht weckt der Bagger auch das Interesse junger Leute für einen Job am Bau. Es ist bekannt, dass die Branche ein Nachwuchsproblem hat und es immer schwieriger wird, Personal zu finden“, so Mark Metzger.
Die Reaktion der rund 300 Gäste der Jubiläumsparty sprach für sich: Der Art-Bagger avan-cierte schnell zum beliebten Selfie-Motiv. Auch die Online-Community reagierte mit begeis-terten Kommentaren wie „Bagger des Jahres“, „Kunst macht die Welt schöner“ oder „viel zu schade zum Arbeiten“. René Turrek sieht es gelassen: „Es ist gut, wenn mit Kunst gearbeitet wird, dann sieht sie wenigstens jeder.“ Denn auch wenn der Bagger zugleich Kunstobjekt ist, bleibt er ein Arbeitsgerät, das auf Kanalbaustellen und im Straßenbau eingesetzt wird. Noch steht nicht fest, wem die Ehre gebührt, auf dem Sitz des kunstvoll gestalteten Baggers Platz zu nehmen. „Natürlich setzt es den ersten Fahrer auch unter einen gewissen Druck, wenn er erstmals damit eine Havarie verursacht und das Kunstwerk einen Schaden nimmt. Doch der Künstler hat angeboten, dass er sich die Baumaschine nach einem Jahr anschaut und even-tuelle Schäden ausbessert“, meint Mark Metzger. Somit kann sich der Art-Bagger weiterent-wickeln.