Baugeflüster »Jour fixe«: Die Baubranche stirbt im Besprechungsraum

Lesedauer: min | Bildquelle: Baugeflüster
Von: Dan Windhorst

Wenn in China ein komplett neuer Flughafen gebaut wird, dann ist der fertig, noch bevor wir in Deutschland überhaupt die Rechtsmittelfristen für die Klagen gegen die erste Teilbaugenehmigung hinter uns gebracht haben«, sagte Wolfgang Bosbach (CDU), als er im Jahr 2019 im Rahmen der Fachtagung »Abbruch« in Berlin als Key­note-Speaker köstlich darüber sinnierte, woran unsere Branche tatsächlich krankt. Damals musste noch das Bau­fiasko vom Berliner Flughafen (BER) hämisch als Mahnmal herhalten. Sieben Jahre nachdem der gute Wolfgang es wirklich auf den Punkt gebracht hat, müssen wir erschreckenderweise feststellen, dass sich so gar nichts geändert hat.

Obwohl die neue Bundesregierung vollmundig mit »Bauturbos«, Sondervermögen, Entbürokratisierung und Digitalisierung um sich schmeißt, um »schnelles Bauen« voranzutreiben, schlurft alles weiter vor sich hin. Meine persönliche Meinung lautet: Es scheitert nicht an der Kompetenz, sondern am Theoretiker-Syndrom. Während uns das deutsche Genehmigungssystem von innen heraus auffrisst, hat sich über Jahrzehnte hinweg eine Baukultur in unseren Reihen breit gemacht, die von Schwätzern und Schreibtischtätern etabliert wurde. Am Bau wird schlichtweg zu viel geredet. Wir besprechen mittlerweile, welche Besprechungen notwendig sind, um in Besprechungen etwas besprechen zu können, was dann im Nachgang noch mal besprochen werden muss, damit das Besprochene auch wirklich besprochen wurde. Die Rede ist vom Jour fixe und davon, dass inzwischen jeder Beteiligte am Bau eine Meinung hat: Es wird diskutiert, abgewogen, beurteilt, kritisiert und festgestellt – aber keiner trifft Entscheidungen. Nichts scheint vordefiniert. Wir können keinem Status quo mehr folgen, weil nahezu jedes Bauprojekt zum letzten noch lebenden »Einhorn« erklärt wurde. Ironischerweise beschäftigen sich am Bau inzwischen ganze Heerscharen von Leuten damit, Bauverzögerungen, explodierende Baukosten, Mitarbeiterbefindlichkeiten, Stillstandszeiten und Planungsfehler zu dokumentieren, anstatt sie zu verhindern. Alles am Bau ist einfach wahnwitzig kompliziert. Das Problem ist selten technischer Natur. Beton härtet noch immer nach denselben physikalischen Gesetzen aus wie früher, Armierungsstahl interessiert sich nicht für hübsch designte Power­Point-Folien und der Hydraulikbagger da draußen bewegt keinen Kubikmeter Erde schneller, nur weil vorher drei Bereichsleiter ihre Meinung dazu abgegeben haben. »Das kannst du so nicht machen«, »da müssen wir erst mal den zuständigen Prüfer fragen«, »Jochen findet, dass die neuen Bauhelme zu eng sind« und »der Typ vom Naturschutz meinte, dass wir das Ausheben der Baugrube stoppen müssen, weil die Blume da hinten auf der Roten Liste heimischer Wildpflanzen steht«.

Aber was tun? Die Lösung dieses »Theoretiker«-Problems ist vielschichtig, da zahllose Zahnräder ineinandergreifen. Was wir aber aus Erfahrung wissen: Der Fisch stinkt vom Kopf her. Und genau deshalb tangiert das in erster Linie die Legislative, sprich die gesetzgebende Gewalt. Allein die Politik ist dazu bemächtigt, neue Spielregeln für die Bauwirtschaft auf den Weg zu bringen – und das tut sie auch. Hier ein paar Beispiele: Der Gebäudetyp E wurde eingeführt, um das Bauen durch Abweichungen von Baustandards einfacher und günstiger zu machen. Die Digitalisierung von Bauanträgen und der Ausbau digitaler Genehmigungsverfahren wurde vorangetrieben. Die Novellen des Baugesetzbuches zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren wurden vorbereitet. Mit dem »Wohnungsbau-Turbo« können Kommunen den Wohnungsbau unter bestimmten Voraussetzungen nun auch ohne Bebauungsplan schneller zulassen. Das ­Vergabebeschleunigungsgesetz wurde auf den Weg gebracht, um öffentliche Bauanträge schneller und digitaler vergeben zu können. Und die generelle Staatsmodernisierung bzw. der vielbeschworene Bürokratieabbau soll weniger Dokumentationspflicht, mehr Digitalisierung und die geplante Genehmigungsfiktion mit sich bringen. Das bisherige Fazit der Baubranche lautet: Auf der Baustelle ist bislang kaum bis gar nichts davon angekommen.

Das ist, für sich genommen, aber nicht ganz richtig. Man befindet sich, wie es seitens der Behörden und Ämter so schön heißt, noch immer in der »Transformationsphase«. Oder anders gesagt: Am Ende hat keiner so wirklich einen Plan davon, wie das Bauen in Deutschland tatsächlich besser gelingt. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass wir (und damit meine ich die Politik) noch immer an der Wasseroberfläche kratzen. Ein bisschen Veränderung hier, eine kleine Anpassung da – aber um das große Ganze zu reformieren, reicht die Amtszeit nicht aus. Um das klarzustellen: Ich bin ja froh, dass wir mittlerweile über ein »Sondervermögen Infrastruktur« oder den »Bauturbo« sprechen – solange einzelne Behörden aber immer noch damit hadern, ihr geliebtes Faxgerät in den Keller zu schmeißen, und der Bauleiter erst zehn Semester Jura studieren muss, um das Ausfüllen von Anträgen zu meistern, kann das System »Schneller bauen« nicht funktionieren. Was nützt es uns, ein Verfahren zu »vereinfachen«, wenn das Verfahren selbst das Problem ist? Um in Deutschland zu bauen, hat man mit Gemeinde, Landratsamt, Naturschutzbehörde, Vermessungsamt, Wasserbehörde, Denkmalschutz, Brandschutz, Lärmschutz, Artenschutz, Baumschutz, Berufsgenossenschaft, Versicherung sowie Anwohner, Architekt, Bauleiter, Bauherr, Polier, dem eigenen Ehepartner und der verschollen geglaubten Halbschwester des Bürgermeisters (mütterlicherseits) zu kämpfen, bevor auch nur ein Fundament gegossen, geschweige denn ein Ziegelstein gesetzt ­wurde. Und jetzt stellen Sie sich das Ganze mal bei einem Straßenbau-Großprojekt auf der A7 zwischen Göttingen und Kassel vor. Oder noch besser: Lassen Sie uns eine neue Stromtrasse auf der Südachse, eine vierspurige Autobahnbrücke im Ruhrpott oder einen neuen Hauptbahnhof in Stuttgart bauen. Nur um Ihnen das noch mal vor Augen zu führen: Von der Einreichung des Planfeststellungsantrags im Jahr 1999 bis zur tatsächlichen Eröffnung im Jahr 2020 hat es für den Bau des Berliner Flughafens (BER) verdammt noch mal 21 Jahre gebraucht. Aufgrund der neunjährigen Bauverzögerung und des massivem Verschleißes während der Stillstandsphase wurde der Flughafen bereits zur feierlichen Eröffnung als baulicher Sanierungsfall eingestuft. Und »21« ist ein gutes Stichwort: In der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg bastelt man jetzt seit 1995 daran, neue Schienen in die Gegend zu pflastern: Im Jahr 2010 war der erste Spatenstich und nach aktuellen Stand ist die Inbetriebnahme für 2031 geplant – die vollständige Fertigstellung des Gesamtprojekts, so heißt es, soll dann bis 2033 erfolgen. Das alles wirkt absurd. Und aus gutem Grund stehen wir kopfschüttelnd daneben und fragen uns: Ist das wirtschaftliche Genügsamkeit? Ist das politische Dekadenz? Oder haben wir es schlicht und ergreifend mit purer Inkompetenz zu tun?


Um das Ganze abschließend auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen: Allein das deutsche Genehmigungssystem mit all seinen strukturellen, technischen und gesetzlichen Komponenten wirkt wie ein Orchester ohne Dirigent. Jede einzelne Instanz beherrscht zwar ihr Instrument – aber im Kollektiv ist keine Sau dazu in der Lage, auch nur einen geraden Ton zu spielen. Die ambitionierten, aber viel zu kurz gedachten Denkansätze der Bundesregierung lassen sich letztlich zu einer durchaus polemischen Regierungsparole zusammenfassen: »Wir bauen jetzt endlich schneller – also irgendwann halt…«

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