Baugeflüster Scheiße, die BG kommt!

Als ob man nicht schon genug Ärger hat: Der Chef macht Druck wegen der Fertigstellungsfrist, der Händler hat die falschen Stützbalken geliefert, der »Stift« weiß nicht, wie man den Betonmischer anschaltet, und dann steht da plötzlich einer dieser Sesselfurzer von der Berufsgenossenschaft auf der Matte: Baustellen-Kontrolle! Und wir alle wissen, was das heißt: Der Praktikant sucht krampfhaft nach seinem zerlöcherten Bauhelm, der Elektriker versteckt den offenen Kabelstrang provisorisch hinter einem alten Putzlappen und die Dachdecker sind in Erklärungsnot, weil ihre eigentlich vorgeschriebene Absturzsicherung schlichtweg nicht existent ist.

Lesedauer: min | Bildquelle: bauMagazin
Von: Dan Windhorst

Zur Wahrheit gehört, dass ein BG-Aufsichtsbeamter der Baufirma das Leben zur Hölle machen kann: »Deine Palettengabel ist nicht abgesenkt, am Gerüst fehlt der Seitenschutz, der Maschinist war nicht angeschnallt, der Typ da hinten trägt keine Schutzbrille, die Leiter hat nur Sprossen statt Stufen, im Verbandskasten liegen Schokoriegel statt Pflaster und im Bauwagen liegt eine zerlumpte Fußmatte, die gegen die geltenden Sicherheitsvorgaben verstößt.« Alles, was nicht vorschriftenkonform ist, wird vermerkt und schriftlich bemängelt. Und stellt der Kontrolleur schwerwiegende Mängel fest, die insbesondere die Sicherheit der Mitarbeiter betreffen, kann er ohne großes Gerede die kompletten Bauaktivitäten stoppen lassen, bis die Mängel beseitigt wurden. Grundsätzlich gilt, dass die Erstkontrolle beratend erfolgt. Ändert sich daraufhin nichts, drohen Strafzahlungen – außerdem kann der darauffolgende Baustellen-Besuch dann auch bereits in Begleitung von Polizeibeamten erfolgen. Was wir uns an dieser Stelle fragen müssen: Ist dieser Firlefanz wirklich notwendig? Und die (manchmal vielleicht schmerzliche) Antwort lautet: Ja, und wie! Der erklärte Auftrag für die BG-Beamten lautet sicherzustellen, dass die Bauvorschriften und Sicherheitsstandards eingehalten werden – oder etwas pathetischer ausgedrückt, man will Leben schützen. 

Tritt ein Mitarbeiter der BG Bau auf den Plan, tut er das in der Regel nicht, um den pingeligen deutschen Beamten zu spielen. Zugegeben, diese Sorte von BG-Inspekteuren gibt es auch, aber im Kern dreht sich alles darum, die Arbeitnehmer vor Ort zu schützen. Denn die sind in erstaunlich vielen Fällen gar nicht Schuld am Murks. Nahezu jeder Sicherheitsstandard ist in erster Linie mit Aufwand und Kosten für den Firmenchef verbunden. Das beginnt bei Verbandskästen, Warnschildern, ausreichender Beleuchtung, sanitären Anlagen sowie Persönlicher Schutzausrüstung (PSA) und mündet darin, normgerechte Gerüste, Leitern, Bekleidung und sichere Schalungslösungen zu nutzen. Und ja: Jeder, der auf dem Bau schafft, weiß, wie knapp Baufristen getaktet sind und wie es sich anfühlt, wenn der Chef fluchend um die Ecke kommt. 

Erschwerend kommt hinzu, dass man seinen Beruf mitunter zehn oder zwanzig Jahre lang ausübt: Nie ist etwas passiert, und dann kommt da so ein studierter »Büroheini« um die Ecke und will dir deinen Job erklären. Aber Tatsache ist auch, dass man das klassische Selbstüberschätzung nennt. Und die ist, da werden mir die Kontrolleure sicherlich zustimmen, eine der größten Gefahren am Bau. In meiner Zeit als Chefredakteur für unser Fachmagazin »bauSICHERHEIT« bin ich zahlreichen Maschinisten, Industriekletterern, Maurern, Elektrikern, Dachdeckern und Kranfahrern begegnet. Sie alle übten ihren Beruf mitunter seit Jahrzehnten aus. Ihre Fachkompetenz war, ebenso wie ihre Erfahrung, unbestritten. Und trotzdem kam es zu Unfällen: Der eine verlor seinen Unterarm, nachdem er in eine laufende Betonmischanlage gegriffen hatte – den anderen hat man, so makaber es auch klingen mag, vom Vordach eines fünfstöckigen Rohbaus »kratzen« müssen, weil kein Seitenschutzgitter angebracht war. 

Das Schlimme ist, dass solche Tragödien keine utopischen Märchenerzählungen sind, um möglichst viel Absperrband, neue Hubgeräte oder Bauhelme zu verkaufen, sondern schlichtweg der Realität am Bau entsprechen. Und meine persönliche Meinung dazu ist: Will man wirklich sein Leben verlieren, weil es zu lästig war, den Schutzhelm, die Sicherheitshandschuhe oder den Auffanggurt aus dem Bauwagen zu kramen? Oder muss man in Frührente gehen, sich eine Beinprothese anschaffen und von Invalidenrente leben, weil der Chef der Baufirma keine Lust hatte, schon wieder in ein neues Gerüst zu investieren? Kein Job dieser Welt ist das wert – und jeder Vorgesetzte, Geschäftsführer oder Bauunternehmer gehört verdammt noch mal in den Knast, wenn er seine Mitarbeiter derart ins offene Messer rennen lässt. Dass die Berufsgenossenschaften und Ämter das Letzte sind, was wir frühmorgens auf unserer Baustelle sehen wollen, steht außer Frage.

Aber jedes Mal wenn das passiert, sollten wir die Maurerkelle in die Ecke schmeißen, den Bagger stehen lassen und dem Kontrolleur dankbar in die Arme fallen. Bei allem Frust darüber, dass uns irgendein pingeliger Theoretiker die Welt neu erklären will, muss klar sein, dass sein Job darin besteht, sich Gedanken um unsere Sicherheit zu machen und Sorge dafür zu tragen, dass die Firma alles Menschenmögliche unternommen hat, um unser Leben zu schützen. Und ich sage das ganz offen: Ich habe live miterlebt wie es ist, wenn der Polier an der Haustür klingelt, um der Ehefrau und den zwei Kinden zu erklären, warum Papa nicht mehr nach Hause kommt. Diese Schuld sollte sich niemand, wirklich niemand auf die eigene Seele binden. In diesem Sinne: Ertragt die nervige Kontrolle – aber seid auch dankbar dafür, dass es so etwas überhaupt gibt.


 

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