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15. Dezember 2017

»Zwei gigantische Jahre«: Baumaschinenabsatz wieder auf dem Niveau des Rekordjahres 2007

»Zwei gigantische Jahre«: Baumaschinenabsatz wieder auf dem Niveau des Rekordjahres 2007

Mit einem sehr positiven Ausblick hat sich Johann Sailer nach sechs Jahren als Vorsitzender des VDMA Fach­verbandes Bau- und Baustoffmaschinen auf der Mitglieder­versammlung in Düsseldorf von seinem Amt verabschiedet. »Der Bau- und Baustoff­maschinenindustrie geht es 2017 gut«, betonte er. »Zwar waren die Zeiten noch nie so chaotisch wie heute, aber bisher sind wir gut mit den Herausforderungen umgegangen, die Schlag auf Schlag kommen.« So werde nach derzeitigem Stand die Gesamtbranche dieses Jahr mit einem Umsatzwachstum von mindestens fünf Prozent abschließen. »Das entspricht einem Niveau von rund 14,6 Mrd. Euro«, sagte Sailer, der nach sechsjähriger Amtszeit nicht mehr ­kandidierte. Zum neuen Vor­sitzenden für die kommenden drei Jahre wurde Franz-Josef Paus gewählt.

Anders als in früheren Krisenzeiten habe sich in den vergangenen Jahren »der psychologische Moment der Angst nicht oder nur wenig auf das tägliche Geschäft der Hersteller ausgewirkt«, sagte Johann Sailer und verwies darauf, dass die Öl-, Gas- und Rohstoffschwäche und die damit verbundene sinkende Nachfrage in den Schwellenländern der Branche durchaus zu schaffen gemacht hat. Ob­wohl die Märkte sich nach und nach erholten, spürten vor allem die spätzyklischen Baustoffanlagen noch die Effekte.


Unterm Strich wird aber in diesem Jahr »ein Umsatzplus von mindestens 5 % stehen«, sagte Johann Sailer sichtlich zufrieden, was einem Ge­samtumsatz von rund 14,6 Mrd. Euro entspricht, wobei die Exportquote zuletzt bei 72% lag. Damit bestätigte Sailer die Prognose vom Jahresanfang. So liegt der Auftragseingang bei Baumaschinen nach einem sehr starken Jahr 2016 mit einem Gesamtumsatz von 13,9 Mrd. Euro auch 2017 erneut im Plus, und zwar derzeit um 20 % gegenüber dem Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres: Erdbaumaschinen plus 24 %, Straßenbaumaschinen plus 16 %, Hochbaumaschinen plus 18 %. »Anfang des Jahres wussten wir, dass wir noch einmal ein starkes Jahr haben werden«, sagte Johann Sailer. »Dass es aber so wird, hat uns dann doch positiv überrascht.«

Vor allem der deutsche Baumaschinenmarkt habe sich stark entwickelt, so Johann Sailer. »Die vergangenen zwei Jahre waren geradezu gigantisch. Heute werden in Deutschland so viele Baumaschinen abgesetzt wie im Rekordjahr 2007.« Nach einem Zuwachs von 20 % im Jahr 2016 werde es in diesem Jahr aber einen flachen Verlauf geben. »Wir sind an einem Punkt, an dem sich normalerweise der Markt dreht«, sagte Sailer. Jedoch gebe es derzeit keinerlei Anzeichen dafür, dass der Markt »ins Negative« rutschen könnte. »Dass eine Krise droht, das sehen wir wirklich nicht«, betonte Sailer.

Europa Märkte in stabilem Zustand

Denn die Rahmenbedingungen seien heute ganz andere als im Boom-Jahr 2007. »Die Kunden haben viel Arbeit, die Hersteller erschließen neue Kundensegmente, wie beispielsweise im stetig wachsenden GaLaBau, und auch der sowieso schon starke deutsche Vermietmarkt wächst weiter«, sagte Johann Sailer. Darüber hinaus könnten Maschinen heute problemlos auch in andere Märkte abfließen.«

Die Märkte in Europa seien in einem stabilen Zustand, sagte Johann Sailer. So werde der europäische Markt 2017 im zweistelligen Bereich wachsen. Länder, die in den vergangenen Jahren problematisch gewesen seien, wie Italien, Spanien oder Osteuropa, entwickelten sich überdurchschnittlich gut. Insofern gleiche sich das Niveau über Europa hinweg wieder an.«

Auch weltweit wachsen derzeit, allerdings unterschiedlich stark, alle Märkte, abgesehen von Brasilien und dem Nahen und Mittleren Osten«, sagte Johann Sailer. Dabei seien Russland, Indien und China Beispiele dafür, wie sich die Volatilität erhöht habe. Nach starkem Rückgang wachse der chinesische Markt jetzt wieder exorbitant, in ­manchen Produktgruppen derzeit um mehr als 50 %. Der nordamerikanische Markt laufe dagegen normal und sei derzeit mit knapp 5 % im Plus. »Die Trump-Euphorie, wie sie noch auf der Conexpo in Las Vegas zu Beginn des Jahres zu spüren war, die aber ist verflogen«, konstatiert Johann Sailer.

Zu den wichtigsten Ergebnissen seiner sechsjährigen Amtszeit als Vorsitzender des VDMA-Fachverbandes gehört für Johann Sailer, dass der von hauptsächlich mittelständischen Unternehmen geprägte Verband auf europäischer Ebene heute wesentlich besser vernetzt ist als früher. So sei man durch den europäischen Dachverband CECE – dessen Präsident Sailer ebenfalls einige Jahre war – in Brüssel viel präsenter als in früheren Jahren. »Nach der Restrukturierung des CECE wird die Baumaschinenindustrie in Brüssel jetzt gehört«, betonte Joachim Schmid, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbandes.

Kanada im Blick

Künftig richtet der Branchenverband seinen Blick verstärkt auf Kanada, dem Partnerland der Bauma 2019. Sailer betonte, dass das im September in Kraft getretene Handelsabkommen CETA gut sei für europäische Unternehmen und ein wichtiges Zeichen gegen Abschottung und für offene Märkte. »Die Unternehmen versprechen sich deutliche Handelserleichterungen durch den Zollabbau und die vereinbarte Zusammenarbeit bei der technischen Regulierung und damit mehr Wettbewerbsfähigkeit«, sagte Johann Sailer. Kanada sei für die Bau- und Baustoffmaschinenindustrie eher ein Mainstream-Markt und zähle als rohstoffreiches Land zu den zehn wichtigsten Märkten für die Branche.

Viele deutsche Hersteller bearbeiteten den kanadischen Markt als Bestandteil ihrer USA-Strategie, so Johann Sailer. Trotzdem erreichten die direkten Exporte von Deutschland nach Kanada Jahr für Jahr Größenordnungen wie solche nach Mexiko und Brasilien oder nach Italien. So seien im vergangenen Jahr Bau- und Baustoffmaschinen im Wert von 106 Mio. Euro nach Kanada exportiert worden. »Wir wollen, dass alle wichtigen kanadischen Baufirmen und Vermieter nicht hauptsächlich auf der Conexpo in Las Vegas aufschlagen, sondern zur Weltmesse der Branche, der Bauma in München, kommen«, formulierte er das mit dem Bauma-Partnerland-Konzept verfolgte Ziel.Welche Möglichkeiten Kanada für deutsche Hersteller bietet, das machten auf der Mitgliederversammlung die Kanada-Experten Gerd Braune (Journalist), Dominik Thiesen (Commerzbank), Markus Kopper (Haver & Boecker Kanada), Thorsten Henke (Kanadische Botschaft) und Jonathan Stringham (Bomag) in ihren Vorträgen bzw. in der anschließenden Gesprächsrunde deutlich.

Digitalisierung »ein Mega-Trend«

Ein anders wichtiges Thema, das auf der Mitgliederversammlung im Mittelpunkt stand, war das Thema Digitalisierung in der Bauwirtschaft – laut Joachim Schmid »ein Mega-Trend«, bei dem die Bau- und Baumaschinenindustrie jedoch »deutlich hinterher hinke« im Vergleich zu anderen Branchen. Nach seiner Ansicht ist es deshalb »für alle Beteiligten an der Zeit, die mit der Digitalisierung verbundenen Herausforderungen auch anzunehmen«, auch wenn es sich um ein »komplexes und schwieriges Thema« handle.

Das versuchten dann die Referenten Darius Soßdorf (Geschäftsführer Forschungsvereinigung Bau- und Baustoffmaschinen e. V.), Dirk Siewert (Geschäftsführer des Geräteausschusses des VDMA), Robert Kress (Bereichsleiter Ressort Technik bei der Firma Leonhard Weiss) und Matthias Potthast (Beratungsunternehmen etventure) sowie VDMA-Fachverbandsvorstandsmitglied Sebastian Bauer als Moderator der anschließenden Gesprächsrunde.In der waren sich alle im Grundsatz einig, dass die Digitalisierung in der Bauindustrie die Produktivität steigern kann, laut Studien sogar um bis zu 60 %. Allerdings, und das wurde in der Diskussion ebenfalls deutlich, gibt es unterschiedliche Ansichten hinsichtlich der Frage, wie denn Digitalisierung effizient umgesetzt werden kann – sowohl vom Maschinenhersteller, als auch vom Bauunternehmen als Anwender. So wurde darüber diskutiert, wie neue Standards, Normen oder einheitliche Schnittstellen definiert werden können, wie Transparenz und Datensicherheit gewährleistet werden können, wer wann und wie Zugriff auf die Datenbasis hat, dass die Daten anwender- und nicht herstellerorientiert sein sollten, es einheitliche Schnittstellen ebenso geben muss wie ein funktionierendes Sicherheitskonzept oder eine bessere Bedienbarkeit.

Joschka Fischer mahnt

Während beim Thema Digitalisierung die Diskussion durchaus kontrovers geführt wurde, gab es im Auditorium nach dem Vortrag des ehemaligen Außenministers und Vize-Kanzlers Joschka Fischer fast nur Zustimmung. Der 69-jährige frühere Grünen-Politiker hielt unter der Überschrift »Internationales Geschäft im Zeichen von Trump, Joschka & Co.« ein flammendes Plädoyer für ein starkes und geeintes Europa, in dem sich Deutschland viel stärker als bisher zu seiner führenden Rolle bekennen müsse und zusammen mit Frankreich Europa voranbringen müsse.

»Europa muss aufpassen, dass es angesichts des freiwilligen Rückzugs der USA als globale Führungsmacht und des gleichzeitigen Aufstiegs Chinas nicht abgehängt wird«, sagte Fischer und forderte, Europa müsse dynamischer werden. Und für Deutschland gelte in diesem Zusammenhang: »Als Nationalstaat haben wir keine Chance, dann sind wir ein Übernahmekandidat. Europa ist unsere einzige Chance.«     ß

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