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bauMAGAZIN Wenn eine Schutzkleidung mehrere Gefährdungen abdecken muss

In vielen industriellen Arbeitsbereichen treffen unterschiedliche Gefährdungen unmittelbar aufeinander: Beschäftigte können beispielsweise gleichzeitig Hitze und Flammen, einem elektrischen Lichtbogen, elektrostatischer Aufladung oder schlechter Sichtbarkeit ausgesetzt sein. Eine einzelne Schutzfunktion reicht dann häufig nicht aus. Hier kommt sogenannte Multinorm-Schutzkleidung ins Spiel. Der Begriff »Multinorm« bezeichnet dabei keine eigenständige Norm oder Schutzklasse. Gemeint ist vielmehr Schutzkleidung, die Anforderungen aus mehreren spezifischen Normen erfüllt und damit für mehrere Gefährdungen ausgelegt ist. Welche Kombination erforderlich ist, hängt daher immer von der konkreten Tätigkeit und der Gefährdungsbeurteilung ab. Grundsätzlich gilt: Nicht die möglichst lange Liste von Normen auf einem Kleidungsstück bestimmt, ob es für einen Arbeitsplatz geeignet ist. Maßgeblich ist vielmehr, welche Gefährdungen tatsächlich bestehen und welche Schutzleistung dafür benötigt wird.

Lesedauer: min | Bildquelle: HB PROTECTIVE, ROFA
Von: Jessy von Berg

Schutzkleidung fällt unter die Kategorie Persönliche Schutzausrüstung (PSA), wenn sie dazu bestimmt ist, Beschäftigte gegen Gefährdungen für Sicherheit und Gesundheit zu schützen. Die PSA-Benutzungsverordnung regelt die Bereitstellung und Benutzung solcher Ausrüstung durch Arbeitgeber und Beschäftigte. Multinormkleidung kombiniert mehrere Schutzfunktionen in einem Kleidungsstück oder Bekleidungssystem. Eine Jacke und Hose können beispielsweise gleichzeitig Anforderungen an den Schutz gegen Hitze und Flammen, elektrische Lichtbogengefahren und elektrostatische Aufladung erfüllen. Je nach Einsatzbereich kann zusätzlich Warnschutz oder ein begrenzter Chemikalienschutz hinzukommen.

Die grundlegenden Anforderungen an Schutzkleidung beschreibt die DIN EN ISO 13688:2022-04. Sie behandelt u. a. Ergonomie, Tragekomfort, Größenkennzeichnung und Passform sowie Alterungsbeständigkeit und Pflegebezeichnung. Die Norm ist dabei nicht als alleinige Schutzanforderung gedacht, sondern wird zusammen mit Normen für die jeweils erforderliche spezifische Schutzleistung angewendet. Damit lässt sich Multinormschutz vereinfacht als ein Baukastensystem verstehen: Die Gefährdungsbeurteilung bestimmt die erforderlichen Schutzfunktionen, die entsprechenden Produktnormen definieren die Anforderungen und Prüfungen.

Mögliche Einsatzfelder

Multinormkleidung ist vor allem dort sinnvoll, wo mehrere relevante Gefährdungen gleichzeitig auftreten. Typische Einsatzbereiche finden sich beispielsweise in der Energieversorgung, Elektrotechnik, Industrie, Instandhaltung, Metallverarbeitung, Petrochemie oder bei bestimmten Arbeiten im Straßen- und Verkehrsbereich. Ein Beispiel ist ein Instandhalter in einem Industrieunternehmen. Bei Arbeiten an elektrischen Anlagen kann die Gefahr eines Lichtbogens bestehen. Gleichzeitig können im Produktionsumfeld Hitze oder Flammen auftreten. Befindet sich der Arbeitsplatz zudem in einem explosionsgefährdeten Bereich, können elektrostatische Entladungen relevant sein. Bei Arbeiten im Verkehrsraum kann zusätzlich hohe Sichtbarkeit erforderlich sein.

Welche PSA tatsächlich benötigt wird, legt jedoch nicht die Berufsbezeichnung fest. Nach § 5 Arbeitsschutzgesetz muss der Arbeitgeber die mit der Tätigkeit verbundenen Gefährdungen beurteilen und daraus die erforderlichen Arbeitsschutzmaßnahmen ableiten. Bei der richtigen Auswahl von Schutzbekleidung sind daher einige wesentliche Punkte zu beachten. Hier gibt das »SUCaM«-Prinzip gemäß DIN-Leitfaden prCEN/TR 15321 eine gute Orientierung für alle, die für die Auswahl von PSA und die Sicherheit der Beschäftigten verantwortlich sind. Der Leitfaden umfasst folgende Kriterien: Select, Use, Care, Maintenance – Auswahl, Gebrauch, Pflege, Instandhaltung. Zur Bestimmung der für die jeweilige PSA geeigneten Pflege gehört beispielsweise ein angemessener und validierter Aufbereitungs- und Instandhaltungsprozess mit einer Inspektion der Bekleidung unter Berücksichtigung von Aspekten wie Waschen und Trocknen, gegebenenfalls auch Nachbehandlung und Reparatur sowie der Dokumentation dieser Maßnahmen.

Die Auswahl der richtigen PSA-Bekleidung lässt sich nur mit Blick auf das individuelle Einsatzgebiet und die damit verbundenen Gefährdungspotenziale und Einsatzbedingungen treffen. Es lohnt sich daher, genau zu prüfen, welche Schutzfunktionen für welche Einsatzbereiche wirklich benötigt werden.

Gefährdungsbeurteilung als Basis

Multinormschutz sollte nicht nach dem Prinzip »möglichst viele Normen sind möglichst gut« ­ausgewählt werden. Der Ausgangspunkt muss immer die Gefährdungsbeurteilung sein, die u. a. die Frage nach den konkreten Gefährdungen während der Tätigkeit beantwortet. Zusätzlich gilt es festzustellen, wie häufig und wie lange die jeweilige Gefährdung auftritt und welche Körperbereiche geschützt werden müssen. Auch die erforderliche Schutzleistung wird im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung evaluiert. Das Arbeitsschutzgesetz schreibt außerdem vor, dass individuelle Schutzmaßnahmen gegenüber anderen Schutzmaßnahmen nachrangig sind. Gefahren sollen möglichst an ihrer Quelle bekämpft werden. PSA ist somit ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsschutzes, ersetzt aber keine technischen oder organisatorischen Schutzmaßnahmen.


Relevante Normen

Welche Normen Bestandteil einer Multinorm-Ausstattung sind, hängt vom Anwendungsfall ab. Zu den wichtigsten zählen die DIN EN ISO 11612 für den Schutz gegen Hitze und Flammen, die DIN EN 1149-5 für elektrostatische Eigenschaften sowie die DIN EN 61482-2 für den Schutz gegen die thermischen Gefahren eines elektrischen Lichtbogens. Je nach Einsatzbereich können außerdem die DIN EN 13034 für begrenzten Schutz gegen flüssige Chemikalien, die DIN EN 14605 für Schutz gegen flüssige Chemikalien mit Voll- oder Teilkörperschutz sowie die DIN EN ISO 24232 für Schutz gegen Regen relevant sein. Für Warnschutzbekleidung ist die DIN EN ISO 20471 maßgeblich.

Sinnvoll kombinieren

Eine Kombination ist manchmal mehr als die Summe ihrer Teile. Was mathematisch paradox klingt, ist beim Störlichtbogenschutz ein sinnvoller und zielführender Ansatz. Denn Kleidungsstücke lassen sich so kombinieren, dass die Gesamtschutzleistung höher ist als deren Einzelleistungen zusammenaddiert. Die DIN EN 61482-2 legt die Anforderungen an das Material und das fertige Kleidungsstück fest und erlaubt eine Einteilung in die Klasse 1 (4kA) und Klasse 2 (7kA). Dafür durchlaufen sie entweder den Box-Test gemäß DIN EN 61482-1-2 oder den Open-Arc-Test gemäß DIN EN 61482-1-1. Ein Störlichtbogenschutz der Klasse 2 ist dabei in der Regel nur mit hohem Materialaufwand zu erzielen. Oft wird die spezielle Schutzlage gedoppelt. Das bedeutet aber auch, dass die Bekleidung tendenziell schwerer und unbequemer wird und der erhöhte Schutz zulasten des Tragekomforts geht.

Die Alternative ist daher, die optimale Schutzleistung nicht nur in der Oberbekleidung zu konzentrieren, sondern auf eine intelligente Kombination aus Ober- und Unterbekleidung zu setzen. Ein solches »Zwiebel-System« hat den Vorteil, dass die Gesamtschutzleistung höher ist als die rein rechnerische Summe der Schutzleistung ihrer einzelnen Teile. Zu erklären ist dies u. a. durch Lufteinschlüsse zwischen den Bekleidungsstücken, die eine zusätzlich isolierende Wirkung haben. Gleichzeitig erhöhen solche Lösungen die Flexibilität im Arbeitsalltag, da die kombinierten Teile je nach Gefährdungsgrad auch einzeln getragen werden können. Das kann vor allem an körperlich einengenden Einsatzorten und bei höheren Temperaturen eine Erleichterung darstellen.

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