Im Blickpunkt Titelstory

Mit intelligenten Systemen Bauprozesse optimierten

In seiner Rede betonte Peter Guttenberger unter anderem, dass im Bereich der Baustoff- sowie Bauteileherstellung nach allen Voraussagen die starke Individualisierung der Produkte unter den Bedingungen einer hoch flexibilisierten Fertigung kennzeichnend sein werde. »Es mag merkwürdig oder zumindest ungewohnt klingen, aber tatsächlich wird diese Entwicklung auch vor der Bauausführung nicht haltmachen«, sagte Guttenberger. »Auftraggeber fordern zunehmend, dass sie schon sehr früh verlässlich erfahren, was zu welcher Zeit unter welchen Rahmenbedingungen bei ihren Projekten ablaufen wird. Natürlich wollen sie auch wissen, wann sie mit welchen Kosten zu rechnen haben.« Hierbei helfe die sogenannte BIM-Technologie (Building Information Modeling) weiter. »Dabei werden mithilfe entsprechender Software alle relevanten Daten digital erfasst, kombiniert, vernetzt und geometrisch visualisiert, sodass man im virtuellen Raum in unterschiedlichen Phasen durch die Projekte schreiten kann.«

»Industrie 4.0 ist kein Selbstläufer«


Bauausführende seien mit solchen intelligenten Systemen zu jeder Zeit über den Baufortschritt hinsichtlich Termin, Kosten, und Qualität informiert und könnten dadurch unmittelbar regelnd eingreifen, so Peter Guttenberger. Parallel dazu werde der Baumaschinen- und Fahrzeugeinsatz durch noch intelligentere Maschinensteuerungs- sowie Dispositionssysteme unterstützt und online mit zusätzlichen Daten versorgt. »Im Gegenzug werden die Mobilgeräte und Maschinen zum Informationslieferanten über Leistung, Qualität und Einsatzbedingungen auf der Baustelle und in den Fertigungsbetrieben.


Derart gut informiert können alle Projektbeteiligten ihr Zusammenwirken im Sinne des Gesamterfolges optimieren«, sagte Guttenberger. »So leicht es auch klingt, ist das jedoch kein Selbstläufer. Denn auch die ›Industrie 4.0‹ braucht engagierte, mitdenkende sowie für Veränderung offene Mitarbeiter, um ihr Potenzial zu entfalten.«

Kiesel-Gruppe als Systemlieferant

Daran anknüpfend erläuterte Toni Kiesel als einer der Hauptredner des Seminars unter dem Motto »Dienstleistung im Wandel der Zeit« die Entwicklung der Kiesel-Gruppe in den vergangenen zehn Jahren. Mit mittlerweile rund 900 Mitarbeitern und einem Umsatz von 345 Mio. Euro (2014) habe sich das Familienunternehmen mit Hauptsitz im oberschwäbischen Baienfurt von einem Baumaschinen- und Baugerätehändler zu einem Systemlieferanten für Baggern, Laden und Transportieren entwickelt, der in 17 europäischen Ländern aktiv sei und in Deutschland über 34 Standorte verfüge, so der geschäftsführende Gesellschafter der Kiesel GmbH.

Meilensteine in der jüngeren Unternehmensgeschichte seien zuletzt der Bau eines neuen Logistikzentrums sowie die Gründung der Kiesel Technologie- und Entwicklungsgesellschaft (K-TEG) gewesen. Mit Maschinen der Marken Hitachi, Terex-Fuchs, Mecalac und Giant oder Eigenentwicklungen wie dem Kiesel Multi Carrier (KMC) sei die Kiesel-Gruppe inzwischen ein »maßgeblicher Spieler und Systemlieferant«, so Toni Kiesel. Er betonte, dass das prozess­orientierte Arbeiten auf einer Baustelle und die Vernetzung der Arbeitsabläufe künftig immer relevanter werden. Eine Schlüsselrolle spielen dabei laut Toni Kiesel in Zukunft die Anbaugeräte sowie vollhydraulische Schnellwechsler.

Als ein mittelständisches Unternehmen, das man am besten mit den Schlagwörtern »Kompetenz und Bodenständigkeit« charakterisiere, hat Jörg Unger die BOMAG-Gruppe vorgestellt. Das 1957 gegründete Unternehmen mit Sitz in Boppard, das zu den weltweit führenden Herstellern von Verdichtungstechnik sowie von Fräsen und Fertigern gehört, ist seit 2005 Teil der französischen Fayat-Gruppe. »Mit unserem Maschinenportfolio bilden wir den Lebenszyklus der Straße ab«, sagte Unger, der als BOMAG-Präsident auch den kompletten Straßenbaumaschinenbereich im Fayat-Konzern verantwortet, der weltweit mit rund 19 400 Mitarbeitern zuletzt einen Umsatz von 3,5 Mrd. Euro erwirtschaftete.

»Wir sehen uns heute als Systemlieferant, der aus dem Bauprozess heraus praxistaugliche Ansätze entwickelt«, so Jörg Unger, »die sich in durchdachten Maschinen- und Anwendungslösungen widerspiegeln.« So habe man in den vergangenen Jahren in den Bereichen Kaltfräsen und Straßenfertiger konsequent seine Strategie verfolgt und sich inzwischen als feste Größe im Markt etabliert. »Wir sind der Meinung, dass dieser Wettbewerb wichtig ist«, betone Jörg Unger, »denn der fördert die Weiterentwicklung und ist die Triebfeder für uns alle.«

Förderpreise verliehen

Das zeigte sich auch bei der Präsentation der Preisträger des VDBUM-Förderpreises, der zum dritten Mal in drei Kategorien vergeben wurde, und des mit 1 000 Euro dotierten Sonderpreises. Dieser wurde an eine Gruppe von Auszubildenden des renommierten Kabinenherstellers Fritzmeier für die Entwicklung der Bottle Boom Box verliehen. Mit der können in der Fahrerkabine nicht nur Getränke gekühlt oder gewärmt werden, sondern sie bietet auch eine Handyhalterung sowie eine Standard Bluetooth Schnittstelle mit einer Telefon-Freisprechfunktion und Musik- bzw. Radiowiedergabe für bis zu zehn Stunden.

Die mit jeweils 2 500 Euro dotierten VDBUM-Förderpreise wurden in die Kategorien Baumaschinen und Komponenten, Innovationen aus der Praxis und Bauverfahren vergeben. So wurde Matthias Osterland von der Bauer-Gruppe für sein Energieeffizienzpaket im Bereich der Baumaschinen und Komponenten ausgezeichnet. Christoph Schmid­berger von der Ed. Züblin AG erhielt im Bereich Innovationen aus der Praxis den Preis für die Entwicklung eines Fertiger-Terminals, der die Echtzeiterfassung im Asphalteinbau ermöglicht. Geschäftsführer Kurt Usel von der zum Strabag-Konzern gehörenden Baystag GmbH aus Wildpoldsried im Allgäu wurde in der Kategorie Bauverfahren für die variable Tunnelschalung ausgezeichnet, mit der die Einstellbarkeit einer Stahlschalung für Tunnelprojekte mit verschiedenen Blocklängen und Geometrien ermöglicht wird.

Nachwuchskräfte ansprechen

Natürlich war auf dem VDBUM-Großseminar auch die Entwicklung der Emissionsgesetzgebung hinsichtlich neuer Motoren- und Antriebstechnologien genauso ein Thema wie die Nachrüstung von Rußpartikelfiltern oder der Einsatz von RFID im Bauprozess und die Entwicklung eines Telematikdatenstandards für Baumaschinen und deren Anwendungsmöglichkeiten. Darüber hinaus kündigte der VDBUM an, auch in diesem Jahr wieder einen Baumaschinen-Erlebnistag als Imagekampagne für die gesamte Baubranche zu veranstalten. Geplant ist, so Vorstandsmitglied und Geschäftsführer Dieter Schnittjer, dass dieser Baumaschinen-Erlebnistag nach dem großen Erfolg im vergangenen Jahr ein fester Veranstaltungstermin im VDBUM-Jahresplan wird. »Immerhin rund

1­800 Schülerinnen und Schüler sowie 61 Firmen haben sich 2014 am Baumaschinen-Erlebnistag beteiligt«, sagte Schnittjer.

Erlebnistag soll für Impulse sorgen

»Beim Wettlauf um die besten Köpfe möchten wir mit dem Baumaschinen-Erlebnistag wieder einen starken Impuls setzen, um Nachwuchskräfte für die Baubranche anzusprechen und zu begeistern«, so Schnittjer. Die Aktion eröffne den Unternehmen die Möglichkeit, sich als attraktiver Arbeitgeber mit vielfältigen Berufsprofilen vorzustellen und gleichzeitig mit dem interessierten Nachwuchs ins Gespräch zu kommen. Durch Praktika und Angebote zur Betreuung von Seminar-, Diplom- oder Masterarbeiten ließen sich schon früh ausbaufähige Kontakte herstellen. Der Baumaschinen-Erlebnistag wird auf Wunsch der Schulen in diesem Jahr zwei Wochen vor dem Beginn der Sommerferien veranstaltet. Um den Ferienzeiten in allen Bundesländern gerecht zu werden, sind bundesweit vier Termine geplant. »Die Begeisterung der zukünftigen Nachwuchskräfte wird, wie im letzten Jahr, viele positive Reaktionen für die Berufe in der Baubranche, Umwelt und Maschinentechnik hervorbringen«, so Dieter Schnittjer. »Wir laden Entscheidungsträger und Unternehmer ein, diesen anspruchsvollen Weg gemeinsam mit dem VDBUM zu gehen. Denn oft ist den jungen Menschen nicht bekannt, welche Chancen diese Branche bieten kann.«

Posch ersetzt kranken Lindner


Welche Stellenwert die Bau- und Baumaschinenbranche in Deutschland hat und wie wichtig sie für den Ausbau und den Erhalt der Verkehrsinfrastruktur hierzulande ist, darüber hätte beim 44. VDBUM-Großseminar als prominenter Gastredner Christian Lindner referieren sollen. Doch der FDP-Chef musste wegen einer Erkrankung kurzfristig absagen. Für ihn sprang sein Parteifreund und frühere hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch ein, der das hohe Lied auf die »Mobilitätssicherung« sang, denn nur mit einer intakten Infrastruktur könne man den wirtschaftlichen Wohlstand in Deutschland gestalten. Weshalb er zum Ende seiner Rede forderte: »Das Thema Infrastruktur sollte als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen werden.« Der Applaus des Auditoriums war ihm gewiss.


Von Michael Wulf


 


Impressionen vom 44. Großseminar

Das VDBUM-Großseminar im »La Strada« in Kassel war mit seinen knapp 60 Vorträgen und Workshops wieder einmal eine außergewöhnliche Plattform für Gedankenaustausch und Wissenstransfer, es bot Raum und Zeit zum Networking und die Gelegenheit, Kontakte zu pflegen und zu vertiefen oder neue zu knüpfen. Eine Neuheit waren im 500 m2 großen Saal mit Namen »Castello« die sogenannten »Aktivvorträge«, die eine Verbindung von Vortrag und praktischer Vorführung darstellten. © VDBUM


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