Baugeflüster Frau am Bau - Zwischen (vertanen) Chancen, großer Hoffnung und verkanntem Sexismus

Ein elitärer Herrenklub, umgeben von schwitzenden Männern, hartem Armierungsstahl und klackernden Betonmischern. Und Frauen? Über Jahrhunderte hinweg unerwünscht. Und wenn sich das weibliche Geschlecht früher dann doch mal auf die Baustelle verirrt hat, galt das als mindestens genauso exotisch wie ein glitzerndes Einhorn auf einem Heavy-Metal-Konzert.

Lesedauer: min | Bildquelle: bauMAGAZIN
Von: Dan Windhorst

Heute spricht alles (politisch korrekt) von flächendeckender Gleichberechtigung und davon, dass man(n) endlich mehr Frauen in die Baubranche bringen möchte. Böse Zungen behaupten nun, dass das vorrangig auf den Fachkräftemangel zurückzuführen ist, der seit Jahren wie ein finsteres Damoklesschwert über der Branche schwebt und sich eben nicht darin begründet, ausnahmsweise mal dazugelernt zu haben. 

Die bittere Wahrheit ist, dass wir Männer einen richtigen Dachschaden haben. Und zwar gewaltig. Wir haben jahrhundertelang erstaunliche Kreativität bewiesen, um Frauen kategorisch von allem fernzuhalten, was als typische Männerdomäne galt. Frauen durften nicht wählen, hatten kein eigenes Bankkonto, mussten sich von Autos, Universitäten und Fußball fernhalten und hatten stattdessen die Pflicht, sich um den Haushalt, den Ehemann und die Erziehung der Kinder zu kümmern.

Früher glaubte man, dass Frauen beispielsweise nichts in Politik oder Wissenschaft zu suchen hätten, weil sie »aufgrund ihres zerbrechlichen Gemüts, der geringen Belastbarkeit und der beständigen Neigung zu unkontrollierter Emotionalität eine Gefahr für sich und andere darstellen« würden. Aus heutiger Sicht ist das alles unvorstellbar. Wir schütteln den Kopf, zeigen uns empört und sprechen davon, dass das alles Gott sei Dank der Vergangenheit angehört. Aber ist das wirklich so? Können wir in Zeiten von Ehegattensplitting, »Gender Pay Gap« sowie der sagenumwobenen Frauenquote wirklich von Gleichberechtigung, geschweige denn von weniger Ignoranz sprechen? Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang die Baubranche betrachten: In den spezifischen Handwerksberufen (Maurer, Dachdecker, Straßenbauer, Betonbauer) sind bundesweit knapp 2,2 Prozent der Beschäftigten weiblich – in der gesamten Bauwirtschaft liegt der Anteil immerhin bei 14 Prozent, aber das lässt sich vorrangig darauf zurückführen, dass Frauen in der Regel eher in akademischen Segmenten, darunter in Planung, Entwicklung und Architektur, zu finden sind. Fakt ist, dass es der Branche trotz ihres massiven Bedarfs an Fachkräften nicht gelingt, ausreichend Frauen auf die Baustelle zu bringen, geschweige denn, sie überhaupt dafür zu begeistern. 

Und das hat vielschichtige Gründe: Zum einen hält sich die Mär, dass die Arbeit am Bau für Frauen körperlich zu anstrengend sei. In Zeiten des technischen Fortschritts ist diese Begründung, die in Teilen ja sogar hie und da ihre Daseinsberechtigung haben mag, bemerkenswert.

Zum anderen existieren kaum Fürsprecher. Für Papa und Mama ist es auch 2026 undenkbar, dass ihre 16-jährige Tochter eine Maurerlehre beginnt, in einen Kettenbagger steigt oder acht Stunden täglich Dachpfannen durch die Gegend schmeißt. Erschwerend kommt hinzu, dass Jobs auf der Baustelle für junge Menschen schlichtweg unattraktiv sind: Die massive körperliche Belastung bis zum Rentenalter, einhergehend mit der vergleichsweise geringen Bezahlung, verführt dazu, sich am Ende dann doch lieber für das Studium und den (eigentlich) ungeliebten Bürojob zu entscheiden. Die dramatische Folge ist, dass wir über Jahrzehnte hinweg ein gewaltiges Potenzial mit Anlauf in die Tonne treten und den noch verbliebenen Rest an ehrlichem Interesse damit zerstören, dass die Dinge sich, wenn überhaupt, nur im Schneckentempo verändern.

Was also tun? Erklärte Zielsetzung der Politik ist es, junge Frauen frühzeitig für technische und handwerkliche Berufe zu begeistern – das soll z.B. über den »Girls Day« gelingen, wo Schülerinnen die Berufe in der Praxis kennenlernen. Außerdem wurden sogenannte Mentoring- und Weiterbildungsprogramme entwickelt, mit denen Frauen beim Berufseinstieg von erfahrenen Mitarbeitern unterstützt werden. Aus meinen Gesprächen mit den Verbänden, der Politik, den Bauunternehmen und Frauen, die ihren Weg erfolgreich in die Branche gefunden haben, weiß ich, dass das alles zwar nett gemeint, inhaltlich aber viel zu kurz gedacht wurde. 

Es ist zwar richtig, dass wir jungen Frauen (und im Übrigen auch jungen Männern) möglichst früh die Berufsmöglichkeiten der Baubranche aufzeigen, aber wenn die Rahmenbedingungen, an denen es ja nachweislich noch immer scheitert, unverändert bleiben, wird der Nachwuchs, ganz gleich welchen Geschlechts, auch in Zukunft einen großen Bogen um die Bauwirtschaft machen. Meine Befürchtung ist, dass es (mal wieder) an den Baufirmen selbst hängen bleibt: Zum einen müssen sie die kostspielige Werbetrommel rühren und ein attraktives Gehalt herbeizaubern, um überhaupt die Aufmerksamkeit möglicher Auszubildende zu erhalten. Zum anderen braucht es das Aufbrechen von Klischees und den Schutz vor Diskriminierung, obwohl das vielmehr Aufgabe von Politik und Gesellschaft wäre.

Denn auch wenn wir uns alle wünschen würden, dass herabwürdigende Kommentare, haltlose Vorurteile und purer Sexismus der Vergangenheit angehören, beweist der Alltag auf Baustellen das Gegenteil. Die Herausforderung ist es, Frauen glaubwürdig zu integrieren und mit guter Ausbildung, fairer Bezahlung, klugem Rat und ehrlicher Kollegialität zu unterstützen. Denn: In der Bau- und Baumaschinenbranche habe ich durchaus positive Beispiele dafür gesehen, wie »Frau am Bau« funktionieren kann. Aber fast immer war das mit einem erheblichen Engagement der Bauunternehmen verknüpft, das nicht nur die notwendigen finanziellen Rahmenbedingungen schaffen musste, sondern mit echter und vor allem vorurteilsfreier Meinung an die Sache herangegangen ist. Im Grunde müssen Baufirmen, Hersteller,

Dienstleister und Händler genau das auffangen, was die Politik und insbesondere die Gesellschaft bis heute verpasst hat – nämlich die ehrliche Auseinandersetzung damit, warum sich viele Frauen nicht in unsere Branche trauen und weshalb wir auch im Jahr 2026 noch immer so vielen patriarchalischen und zuweilen misogynen Vollidioten begegnen müssen.d


 

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