Liebherr-Flotte bei »Stuttgart 21« mit mehreren Tunnelbaggern im Einsatz

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Im Mittelpunkt des vor 34 Jahren in Angriff genommenen Projekts steht nach großen politischen Auseinandersetzungen und zahlreichen Planungsänderungen der Bau eines neuen, unterirdischen Hauptbahnhofs in Stuttgart mit direkter Anbindung an den Flughafen sowie die Neutrassierung der Bahnstrecke Stuttgart – Ulm, auf der die Züge dann mit einer Geschwindigkeit von bis zu 250 km/h unterwegs sein können anstatt wie bislang mit 70 km/h. Dadurch soll die Fahrzeit von heute 54 auf dann 28 Minuten reduziert werden. Dabei wird die Hälfte der 60 km langen Strecke durch neun Tunnel führen. Diverse Tunnel werden auch die neuen Strecken in und um Stuttgart mit dem neuen Hauptbahnhof verbinden. Das Gesamtprojekt ist mit Kosten von rund 9 Mrd. Euro kalkuliert worden.


Harte Einsatzbedingungen

Bei den diversen Tunnelprojekten werden insgesamt neun Liebherr-Tunnelbagger für Vortriebsarbeiten eingesetzt. So hat die ARGE »Tunnel Cannstatt« derzeit zwei Liebherr R 944 C Tunnel sowie einen R 924 Compact Tunnel für den Bau der Fernbahnanbindung Bad Cannstatt in Betrieb. Ein dritter R 944 C Tunnel kommt demnächst hinzu. Für die harten Einsatzbedingungen im Tunnelvortrieb ist das Grundgerät des Liebherr-Raupenbagger R 944 C Tunnel ab Werk exakt auf den Tunnelbau abgestimmt.

Auch die Ausrüstung, bestehend aus einem Schwenkarm mit doppeltem 45°-Schwenk­lager und einem 4,5 m langen Löffelstiel ist robust ausgeführt. So sind ­beispielsweise Schläuche und Leitungen an der Ausrüstung seitlich verlegt und die Hydraulik-Zylinder sind speziell angeordnet, um diese vor herabfallendem Gestein zu schützen. Liebherr bietet die Raupenbagger R 944 C Tunnel mit einem Einsatzgewicht von rund 44 t mit zwei unterschiedlich langen Schwenkarmen an, entweder mit 3,07 m oder mit 3,7 m. Aufgrund der gegebenen Einsatzbedingungen hat sich die ARGE »Tunnel Cannstatt« für die Version mit kurzem Schwenkarm entschieden. Die Kurzversion ist für eine Tunnelhöhe bis zu 7 m ausgelegt und entspricht damit sehr präzise den örtlichen Anforderungen.Maximale Losbrechkraft von 191 kN

Bei dieser größtmöglichen Tunnelhöhe erreicht der Bagger einen Vorschubweg von 1,6 m. Der maximale Vorschubweg von 2,1 m kann bei dieser Ausrüstungsvariante bis zu einer Tunnelhöhe von 5,4 m erreicht werden. Der Liebherr-Raupenbagger R 944 C Tunnel mit kurzem Schwenkarm bietet eine maximale Reißkraft von 164 kN und eine maximale Losbrechkraft von 191 kN.

Die Liebherr-Tunnelbagger werden in Stuttgart für den direkten Baggervortrieb eingesetzt. Dank der hohen Vorschubkraft des R 944 C Tunnel arbeiten sie in den meisten Fällen mit einem Abbaulöffel. Ist das Gestein härter, werden Hammer oder Fräse eingesetzt. Für den direkten Vortrieb muss der Tunnelbagger eine hohe Hydraulikleistung erbringen. Daher sind die R 944 C Tunnel von Liebherr serienmäßig mit der dazu erforderlichen Hochdruck-Hydraulik ausgerüstet. Der R 944 C Tunnel wird von einem 6-Zylinder-Reihenmotor von Liebherr angetrieben, der die Emissionsricht­linien Stufe IIIA/Tier 3 erfüllt. Der Dieselmotor mit Turbolader und Ladeluftkühlung leistet 190 kW/258 PS bei 1 800 Umdrehungen. Die ARGE »Tunnel Cannstatt« hat sich zudem für den Einbau des optionalen Dieselpartikelfilters entschieden.Fahrer ist besonders geschützt

Bei der Entwicklung der Tunnelbagger legte Liebherr einen besonderen Schwerpunkt auf die Sicherheit des Fahrers. Die Spezialkabine in schwerer Ausführung zeichnet sich durch ergonomisches Design und hohen ­Bedienkomfort aus. Sie ist serienmäßig mit den Schutzvorrichtungen gemäß FOPS, FGPS und ROPS gesichert. Die im Projekt »Stuttgart 21« eingesetzten Liebherr-Tunnelbagger R 944 C sind zudem mit einer Video-Rückraumüberwachung ausgestattet.

Aktuell werden drei Liebherr-Raupenbagger R 944 C Tunnel beim »Zwischenangriff Nord« in Stuttgart-Bad Cannstatt eingesetzt. Hier ist der zentrale Punkt, von dem aus der Tunnel von und nach Bad Cannstatt sowohl in Richtung Hauptbahnhof als auch bis zur Ehmannstraße vorgetrieben wird. Die Tunnel gehören zur Tunnelzuführung Feuerbach – Bad-Cannstatt und damit zum Planfeststellungsabschnitt 1.5 von »Stuttgart 21«. Der Tunnel »Bad Cannstatt« besteht aus zwei eingleisigen Tunneln, die fast ausschließlich bergmännisch erstellt werden, und ist 3 507 m lang. Im Unterschied zum »Zwischenangriff Prag« (Tunnel Feuerbach) geht die Bahn hier nicht horizontal in den Berg, sondern über einen 26 m tiefen, senkrechten Schacht. Dieser liegt auf dem Niveau des Tunnels. Der Vortrieb hierzu hat Mitte Februar 2014 begonnen. Über diesen Zwischenangriff wird versucht, die Beeinträchtigungen für die Bevölkerung so gering wie möglich zu halten. Er liegt unmittelbar neben der zentralen Logistikfläche, sodass der Aushub von dort aus direkt – und ohne öffentliche Straßen benutzen zu müssen – mit dem Zug abtransportiert werden kann.


Auch Tunnel-Radlader im Einsatz

Die Flotte von Liebherr-Geräten im Einsatz der ARGE »Tunnel Cannstatt« umfasst nicht nur drei Tunnelbagger vom Typ R 944 C und einen Tunnelbagger R 924 Compact Tunnel sondern auch drei Radlader vom Typ L 556 Tunnel und einen Radlader L 566 Tunnel. Beim Gesamtprojekt »Stuttgart – Ulm« kommen derzeit zahlreiche weitere Tunnelspezialgeräte von Liebherr zum Einsatz. Bei der ARGE »Tunnel Albaufstieg« arbeiten vier weitere R 944 Tunnel, die von vier Rad­ladern L 580 Tunnel unterstützt werden. Auch die ARGE »Atcost« hat einen R 944 Tunnel im Einsatz. Darüber hinaus werden bei der ARGE »Tunnel Feuerbach« diverse weitere Liebherr-Tunnelbagger und Radlader ein­gesetzt. Nach Abschluss des ­Projektes werden die Tunnelbagger rund zwei Drittel der insgesamt 64 km neu errichteten Tunnel- und Durchlassstrecken in Spritzbetonbauweise erstellt haben.

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