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bema: »Für uns ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer«

Eigentlich wollte der Anbaukehrmaschinenspezialist bema mit Sitz im niedersächsischen Voltlage-Weese in diesem Frühjahr das 80-jährige Firmenjubiläum groß feiern, doch dann machte die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Wie das Familienunternehmen bislang die Krise gemeistert hat, wie sich Absatz und Umsatz entwickelt haben, ob das Produktportfolio erweitert wird und wie die künftige Geschäftsentwicklung in Zeiten von Corona eingeschätzt wird, darüber hat sich im bauMAGAZIN-Interview Chefredakteur Michael Wulf mit der Geschäftsführenden Gesellschafterin Sonja Koopmann unterhalten. Der 47-Jährigen, die das Unternehmen in dritter Generation leitet, macht vor allem eines zu schaffen: die Ungewissheit. »Wir haben auch in dieser Corona-Krise immer zu tun gehabt«, sagt sie. »Und es läuft auch weiter. Aber was kommt noch? Das ist das Schwierige. Aber egal, was kommt: Wir werden uns auf die jeweilige Situation kurzfristig einstellen und kreative Lösungen finden. Für uns ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer.«

Von Michael Wulf

bauMAGAZIN: Frau Koopmann, wie groß ist Ihr Ärger darüber, dass die Corona-Pandemie das Jubiläumsjahr Ihres Unternehmens überschattet? Und wann wird die im Mai abgesagte große Jubiläumsfeier nachgeholt?
Sonja Koopmann: Ärger, das würde ich gar nicht mal sagen, eher Enttäuschung. Es ist einfach schade, dass wir nicht zusammen mit den Mitarbeitern, Vertriebspartnern und Freunden feiern konnten. Geplant ist jetzt, die Feier Anfang Mai kommenden Jahres nachzuholen, und zwar als »80+1«.

bauMAGAZIN: Wie hat bema bislang die Corona-Krise gemeistert? Gibt oder gab es Kurzarbeit, wurden Arbeitsprozesse umgestellt etc.?
Koopmann: Am Anfang war ja alles sehr dramatisch. In Absprache mit unserem Betriebsarzt und den Abteilungsleitungen wurde entschieden, wie wir auf die gesundheitlichen Gefahren reagieren. Das ist uns gut gelungen, indem wir beispielsweise die Produktion auf Zwei-Schicht-Betrieb umgestellt haben, der Abstand zwischen den Arbeitsplätzen wurde entsprechend der Empfehlungen vergrößert usw. Homeoffice haben wir in bestimmten Bereichen versucht, das hat aber aufgrund der schlechten Internet-Verbindungen bei uns in der Region nicht funktioniert. Gottseidank haben wir seit Mai wenigstens im Unternehmen Glasfaseranschluss. Kurzarbeit haben wir bislang nicht beantragt, die Mitarbeiter bauen nach und nach ihre Zeitkonten ab. Natürlich hat sich das Auftragsvolumen verringert. Denn durch den Lockdown waren die Außendienstler unserer Vertriebspartner nicht unterwegs, weder in Deutschland noch in den anderen europäischen Ländern.


bauMAGAZIN: Was machte bema am meisten zu schaffen?
Koopmann: Die Ungewissheit! Wir haben auch in dieser Corona-Krise immer zu tun gehabt. Und es läuft auch weiter. Aber was kommt noch? Das ist das Schwierige. Über unsere neue digitale Plattform informieren wir unserer Belegschaft kontinuierlich über die aktuellen Entwicklungen im Unternehmen, um den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Unsicherheit zu nehmen. Unser oberstes Ziel ist es, die Mannschaft komplett an Bord zu halten.

bauMAGAZIN: bema bietet verschiedene Produktgruppen an: Kehrmaschinen, Schneeschilde, Anbaugeräte zur Wildkrautbeseitigung sowie das neue Saug-Kehrsystem inklusive Kipp-Container. Wie ist die Gewichtung dieser Produkte bei Produktion und Umsatz?
Koopmann: Mit einem Anteil von rund 75 % ist die Kehrmaschine nach wie vor unser wichtigstes Produkt. Der Bereich Schneeschilde hat aufgrund der Witterungsverhältnisse mit immer weniger Schnee stark abgenommen und liegt jetzt bei etwa 15 %. Auf rund 10 % beläuft sich der Anteil der Lösungen zur Wildkrautbeseitigung. Noch nicht beziffern können wir das neue Produktsegment Saug-Kehrsystem mit der Saug-Kehrdüse, dem Häckselgebläse und dem Kipp-Container in verschiedensten Kombinationen und Variationen. Anfang September haben wir bei uns im Werk unsere deutschen Händler darüber ausführlich informiert, die jetzt in Vorführungen die neuen Geräte den Kunden vorstellen werden.

bauMAGAZIN: Die Kommunen dürften mit zu den wichtigsten und größten Kunden von bema gehören. Wie war die Geschäftsentwicklung in diesem Bereich in den vergangenen Jahren und speziell seit Beginn der Corona-Pandemie?
Koopmann: Auf unser gesamtes Produktportfolio bezogen verteilt sich das ziemlich gleichmäßig auf die Bereiche Bauwirtschaft inklusive GaLaBau, Landwirtschaft und Kommunen. Das Kommunal-Segment beliefern wir mit speziell für kommunale Trägerfahrzeuge entwickelten Kehrmaschinen, und zwar mit den drei Modellen bema Kommunal 400 Dual, 520 Dual und 600 Dual. Dieses Geschäft stagniert seit Beginn der Corona-Pandemie, denn viele Kommunen hatten aufgrund von Corona einen Haushaltsstopp – sprich, es wurden keine Investitionen getätigt. Wobei unsere Händler uns sagen: Im Süden Deutschlands investieren die Kommunen, wenn auch im geringeren Umfang.

bauMAGAZIN: Und wie läuft es in den Bereichen Bau- und Landwirtschaft?
Koopmann: Der Bau läuft recht gut. Die Branche hat ja schließlich auch sehr gut zu tun, trotz Corona. Die Landwirtschaft hingegen kämpft mit verschiedenen Krisen. Stichworte sind hier aktuell die Schweinepest, davor waren es die Milchpreise oder die Gülleverordnung. Wobei: Wenn der Landwirt Geld hat, dann investiert er auch.

bauMAGAZIN: bema hat in seinem Portfolio auch speziell für den Einsatz auf Flughäfen entwickelte Kehrmaschinen. Nun leidet der Flugverkehr mit am meisten unter Corona. Inwieweit ist bema davon betroffen?
Koopmann: Flughafen, das ist für uns Projektgeschäft. Unser größter Kunde ist ein internationaler Airport im Süden Deutschlands, und der schreibt etwa alle fünf Jahre neue Lose aus. Was uns sehr gefreut hat: Wir haben Anfang September eine Anfrage von einem ausländischen Flughafen bekommen.

bauMAGAZIN: Wie war die Absatz- und Umsatzentwicklung im vergangenen Jahr? Welche Position nimmt bema im Ranking der Wettbewerber wie Tuchel, Adler, Sobernheimer oder Wiedenmann ein?
Koopmann: Unser Geschäftsjahr ist versetzt zum Kalenderjahr und endet immer Ende März. Das abgelaufene Geschäftsjahr war ein sehr gutes. Wir haben einen Umsatz von rund 12 Mio. Euro erwirtschaftet. Damit sind wir zufrieden. Was die Stückzahlen betrifft: Die Tendenz geht dahin, dass die Stückzahlen rückläufig sind. Dafür ordern die Kunden qualitativ wesentlich besser ausgestattete Maschinen. Der Durchschnittserlös je Produkt steigt dadurch natürlich. Zum Wettbewerb: Da es bei Kehrmaschinen keine offizielle Markterfassung gibt, ist die Aufstellung eines Rankings schwierig. Aber wir zählen uns schon zu den Marktführern.

bauMAGAZIN: Welche Investitionen hat bema zuletzt am Firmensitz Voltlage-Weese realisiert?
Koopmann: Wir investieren ganz stark in die Digitalisierung, in Soft- und Hardware, und in die Umstellung der Arbeitsprozesse in allen Bereichen. Auch die Weiterbildung unserer Mitarbeiter forcieren wir. Darüber hinaus gibt’s diverse bauliche Maßnahmen. So erneuern und erweitern wir die Infrastruktur des Firmenareals. Ebenso ist es geplant, in den Maschinenpark zu investieren. Das allerdings haben wir wegen Corona auf das kommende Jahr verschoben.

bauMAGAZIN: Wie groß ist die Fertigungstiefe bei der Produktion? Mit welchen Komponentenherstellern arbeitet bema zusammen?
Koopmann: Wir entwickeln und produzieren alle unsere Produkte hier vor Ort. Verschiedene Rohkomponenten, wie das Gehäuse oder die Sammelwanne einer Kehrmaschine, beziehen wir von Zulieferern. Im vergangenen Jahr haben wir von einem langjährigen Lieferanten im Osten Europas einige Baugruppen abgezogen und arbeiten seitdem mit zwei Komponentenherstellern aus der Region zusammen. Und das zu für uns besseren Konditionen mit sehr guter Qualität sowie kurzen Liefer- und Kommunikationswegen. All diese Dinge wirken sich positiv auf die Herstellung unserer Maschinen aus.

bauMAGAZIN: Zum Vertrieb: Wie ist der bei bema organi­siert? Wie hoch ist der Exportanteil? Welches sind die wichtigsten Auslandsmärkte, und welches die wichtigsten Wachstumsmärkte?
Koopmann: Grundsätzlich vertreiben wir unsere Produkte über den Handel. In Deutschland haben wir sechs Werksvertretungen, die mit ihren Verkaufsgebieten für eine bundesweite Abdeckung sorgen. Der Export-Anteil lag vor der Corona-Pandemie bei knapp über 50 %. Dann ist das Export-Geschäft stark eingebrochen, ungefähr um die Hälfte. Aktuell haben wir aber in Deutschland einen großen Teil dieses Rückgangs wieder kompensieren können. Wir sind in Übersee mit unseren Produkten vertreten. Unsere wichtigsten Auslandsmärkte liegen jedoch in Europa. An erster Stelle sind dabei Dänemark, Benelux, Frankreich, Österreich oder Polen zu nennen. Große Wachstumschancen sehen wir in Osteuropa. Welche Auswirkungen die Pandemie auf die Entwicklung dort hat, kann ich allerdings nicht abschätzen.

bauMAGAZIN: Wie sehen Sie, vor dem Hintergrund von Corona, die Geschäftsentwicklung in den kommenden ein bis zwei Jahren?
Koopmann: Von Natur aus bin ich immer sehr optimistisch. Aber wie gesagt: Ich kann das derzeit überhaupt nicht einschätzen. Vielleicht kommt der große Einbruch tatsächlich nächstes Jahr, aber ich weiß es nicht. Auch die Medien berichten ja so und mal so. Einmal heißt es, die Konjunktur hat sich erholt und die Wirtschaftsleistung ist fast schon wieder auf dem Stand wie vor Corona. Dann ist wieder die Rede davon, dass es mit der Erholung der Wirtschaft bis Ende 2022 dauern wird. Die Entwicklung kann derzeit wohl niemand einschätzen. Aber egal, was kommt: Wir werden uns auf die jeweilige Situation kurzfristig einstellen und kreative Lösungen finden. Für uns ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer.

bauMAGAZIN: Welche Rolle spielt für bema die vermehrte Elektrifizierung von Trägerfahrzeugen und -maschinen?
Koopmann: Wir haben eine Projektkooperation mit einem Lader-Hersteller in Bezug auf eine komplett elektrifizierte Kehrmaschine. Diese nimmt den Strom über eine Steckdose am Trägerfahrzeug auf, wird also nicht über Akkus angetrieben. Das Thema Elektrifizierung von Anbaugeräten an sich steht zurzeit, so mein Eindruck, aber nicht ganz oben auf der Agenda. Wir müssen abwarten, was die Hersteller an Schnittstellen anbieten. Ob sie erlauben, von ihrer Trägermaschine Strom für das Anbaugerät abzuzapfen. Über die Hydraulik der Trägerfahrzeuge kann man aber immer eines unserer Produkte anschließen. Zudem gibt es Anfragen aus anderen Branchen. Grundsätzlich kann man aber sagen: Derzeit sind die elektrischen Komponenten noch nicht wirtschaftlich, da sie sehr kostenintensiv sind.

bauMAGAZIN: Sie leiten in der dritten Generation das Familienunternehmen. Wird diese Tradition fortgesetzt? Gibt es also eine vierte Generation?
Koopmann: Die vierte gibt’s. Ob die das kann, will und macht, das muss sich zeigen. Meine beiden Söhne sind jedenfalls, obwohl noch nicht volljährig, interessiert am Unternehmen. Auf der Bauma und auf der Agritechnica haben sie schon tatkräftig mitgeholfen.

bauMAGAZIN: Haben Sie sich schon überlegt, welchen Titel Sie Ihrer Jubiläumsrede geben, wenn im kommenden Mai die Feierlichkeiten zum 80-Jährigen von bema nachgeholt werden?
Koopmann: Wir hatten uns schon ein Motto überlegt, nämlich »Einfach glücklich«. Und das behalten wir auch bei, trotz Corona. Der Volksmund sagt ja »Jeder ist seines Glückes Schmied«. Mein Opa Heinrich Berens hat 1940 genau das getan, als Hufbeschlagschmied mit vielen Ideen sein Glück selbst in die Hand genommen und das Unternehmen gegründet. Meine Eltern Günther und Uschi Berens sind seinem Beispiel gefolgt. Sie haben mit viel Mut und Entschlossenheit die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gestellt. Was also vor 80 Jahren als einfache Schmiede begann, ist heute eine zukunftsfähige Maschinenfabrik mit 50 Mitarbeitern. Als einer der Marktführer der Branche entwickeln und fertigen wir unter der Marke bema Anbaulösungen für Anwender rund um den Globus. Und das alles sind gute Gründe, um zu feiern – und glücklich und stolz zu sein.    M

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