Im Blickpunkt Straßenbau – Tiefbau

Die dänisch-deutsche Manufaktur

Von Michael Wulf

In der Regel hat ein Firmenchef das schöne große Eckbüro auf der Südseite der Unternehmens­zentrale, eingerichtet mit Designermöbeln und Hydrokulturen, ein wenig Kunst, modernsten Kommunikationsmitteln – und im Vorzimmer sitzt als ­Zerberus die resolute Chefsekretärin. Bei Jan W. Jensen, der seit 2000 das von seinem Vater Kjeld Werner 1959 gegründete Unternehmen alleine leitet – das mit insgesamt etwa 450 Mitarbeitern in den Produktionsstandorten StØvring und Weimar sowie in sechs Tochtergesellschaften zuletzt einen Umsatz zwischen 90 Mio. und 100 Mio. Euro erwirtschaftete –, ist das anders. Der 48-Jährige hat ein kleines Büro in der Mitte des im ersten Stocks des Bürotraktes, das vielleicht gerade einmal 16 m² groß ist. In dem stehen ein Schreibtisch mit Computer, zwei Regale, ein kleiner Besprechungstisch mit vier Stühlen, ein Garderobenständer. Eine Topfpflanze sorgt für einen Tupfer Grün, und ein Vorzimmer gibt’s nicht.

Finanziell unabhängig

Diese Art von Understatement und Unaufgeregtheit dürften nicht zuletzt auch in den außergewöhnlichen Fähigkeiten des Unternehmens be­gründet sein – und den Produkten natürlich. »Als inhabergeführtes und finanziell unabhängiges Unternehmen investieren wir permanent in Forschung und Entwicklung, in die Modernisierung der Produktion und den Ausbau unserer Vertriebsnetzes«, sagt Jan W. Jensen, der zusammen mit dem für Deutschland zuständigen Vertriebsleiter Martin Werthenbach die Unternehmensphilosophie von Hydrema und deren Besonderheiten erläuterte. »Wir sind ohne Zweifel ein Nischenhersteller mit einer extrem hohen Fertigungstiefe. Man könnte auch sagen, wir sind so etwas wie eine Manufaktur.« Zumal die Hydrema-Maschinen der drei Hauptproduktreihen Baggerlader, Dumper und Mobilkurzheckbagger verfügten allesamt über Alleinstellungsmerkmale.

So können die knickgelenkten und mit Ausgleichsgewichten ausgestatteten Baggerlader der E-Serie den Baggerarm um 280° seitlich versetzen. »Das bieten wir schon seit Mitte der 1970er-Jahre an«, sagt Jensen. »Und zwar als einziger Hersteller weltweit, denn standardmäßig sind es nur 180°.

«Außergewöhnlich gute Traktion

Die ebenfalls knickgelenkten Dumper der E- und D-Serie hätten den großen Vorteil, dass sie auch im eingeknickten Stadium die Ladung abkippen können. Darüber hinaus zeichne sie vor allem eine außergewöhnlich gute Traktion sowie das sehr geringe Eigengewicht aus, was vergleichsweise hohe Nutzlasten ermögliche. Zudem könne der 912E als einziger 10-t-Dumper überhaupt mit einer Geschwindigkeit von bis zu 40 km/h die Ladung auf der Straße transportieren. Ebenfalls über eine Straßenzulassung (allerdings nur für Leerfahrten) verfügt der bis zu 50 km/h schnelle 922D mit einer Nutzlast von 20 t.

»Unser Dumper fahren dort, wo andere nicht mehr fahren können«, sagt Martin Werthenbach. »Der Grund dafür ist das ideale Verhältnis zwischen dem Eigengewicht der Maschinen und deren Nutzlastkapazität. Denn dieses Eigengewicht ist grundsätzlich niedriger als die Nutzlast.« Dadurch sei eine höhere Produktivität bei gleichzeitiger Kraftstoffersparnis garantiert. Das gelte auch für die mit Tier 4 final/Stufe IV konformen Motoren (SCR-Technologie) ausgerüsteten Dumper 912F und 922F, die im November eingeführt wurden.

"Wir haben mit dem Bau von Mobilkurzheckbaggern einfach 20 Jahre mehr Erfahrung als viele andere Hersteller. Und das ist unser großer Vorteil, wie die MX-Reihe eindrucksvoll beweist." Martin Werthenbach, Vertriebsleiter Deutschland

 

»Kürzester Hecküberstand«

Ganz besonders stolz sind Jan W. Jensen und Martin Werthenbach auf die Mobilkurzheckbagger der MX-Reihe. Deren drei Modelle in den Klassen von 15 t bis 19 t werden als »Der Citybagger« vermarktet und »wahrscheinlich zur Bauma auf Tier 4 final/Stufe IV umgestellt«. Neben der besonderen Geometrie mit dem »kürzesten Hecküberstand«, den hohen Hydraulikleistungen und Hubkräften sowie der großen Fahrerkabine sind es vor allem auch die Ausstattungsmöglichkeiten, durch die sich die MX-Reihe auszeichnet.

»Wir können den Bagger komplett nach Kundenwunsche konfigurieren«, sagt Werthenbach und verweist auf die zahlreichen Ausstattungsvarianten. So biete Hydrema ab Werk beispielsweise den Anbau von Engcon-Tiltrotatoren mit kompletter Verrohrung an oder den Einbau von Schnellwechselsystemen von Lehnhoff oder OilQuick. »Dafür haben wir einfach die technische Kompetenz.«

Denn die Fertigungstiefe ist bei Hydrema traditionell sehr hoch. Der komplette Stahlbau, die Zylinder oder die Kabine für Baggerlader und Dumper – »all das machen wir selber«, sagt Jensen. Bei Motoren, Getriebe, Achsen und Hydraulik setzt Hydrema auf namhafte Hersteller, wie Cummins, ZF, Carraro, Bosch-Rexroth oder Danfoss. »Im Vergleich zu vielen unseren Wettbewerbern haben wie noch niemals Komponenten aus Asien bezogen«, betont Jensen. »Von dort beziehen wir höchstens Teile, die für unsere Maschinen keinerlei strategische Relevanz haben. Wie Gegengewichte oder das Radio meinetwegen.

«Spezialist für Zweiwege-Technik

Diese Philosophie hat dazu geführt, dass Hydrema auch in zwei weiteren, ganz speziellen Maschinen-Segmenten sehr erfolgreich ist: bei Minenräumern, bei denen Hydrema sogar Weltmarktführer ist, und bei Zweiwege-Dumpern und -Baggern. »Wir sind derzeit der einzige Hersteller, der sowohl mit einem Dumper als auch mit einem Bagger die Zweiwege-Technik anbietet«, sagt Jan W. Jensen. So sei man mit dem Zweiwegebagger M1600C in Skandinavien schon seit längerer Zeit enorm erfolgreich. »Aufgrund des extrem kompakten Oberwagens kann mit dem M1600C auf einem zweispurigen Gleis eine Spur bearbeitet werden, ohne dass der Verkehr auf der andern beeinträchtigt wird, was ein Riesenvorteil ist.«

Darüber biete die Maschine auch nach dem Hochbocken »die volle Antriebs- und Bremsfähigkeit gemäß Kategorie 2 und 3« und könne sehr schnell für den Einsatz auf der Straße umgerüstet werden. Das gelte auch für den Zweiwege-Dumper 912ZW, der mittlerweile »als einziger« auch in Deutschland die volle Bahn-Zulassung habe. »Wir haben die Zweiwegetechnik als ein strategisches Geschäftsfeld für die internationalen Märkte definiert«, sagt Jan Jensen, weshalb Hydrema seine Aktivitäten in diesem Segment in den kommenden Jahren auch weiter ausbauen werde. Vordringlich arbeite man intensiv daran, für den Zweiwege-Bagger M1600C auch die Zulassung in Deutschland zu bekommen.

Mit Minenräumern Weltmarktführer

Dass sich diese Nischen für den »Nischen-Hersteller« (Jan W. Jensen) positiv auf die Umsätze auswirken, kann man sich denken. So erwirtschaftet Hydrema mit Maschinen bzw. Komponenten für das Militär – dazu gehören neben dem Minenräumer 910MCV2 auch spezielle umgerüstete Baggerlader oder Baggerarme für Bergungspanzer – zwischen 5 % und 30 % des Jahresumsatzes, je nach Auftragslage natürlich. Ansonsten sind die Umsatzerlöse bei Dumpern und Baggern bzw. Baggerlader in etwa gleich hoch. »Seit 2010 haben wir unseren Umsatz jedes Jahr ungefähr um 10 % erhöhen können«, sagt Jan W. Jensen, »und das erwarten wir uns auch für 2016.«

Neben einem Wachstum in den USA mit der neuen Niederlassung in Atlanta setzt der Hydrema-Chef vor allem auch auf die Tatsache, dass immer mehr Hersteller ultrakompakte Mobilbagger anbieten. Dies bedeute, dass der Markt in diesem Maschinensegment wachse. Und davon werde Hydrema profitieren, denn: »Wir haben bereits 1996 mit dem M1500 den ersten Mobilkurzheckbagger überhaupt präsentiert«, betont Jan W. Jensen und Martin Werthenbach fügt hinzu: »Wir haben einfach 20 Jahre mehr Erfahrung als viele andere Hersteller. Und das ist unser großer Vorteil, wie die MX-Reihe eindrucksvoll beweist.

«Neue Vertriebsstruktur funktioniert

Hinsichtlich des deutschen Marktes stimmen vor allem zwei Faktoren Jan W. Jensen und Martin Werthenbach zuversichtlich. Der eine Faktor ist die 2013 eingeleitete Neustrukturierung des Vertriebsnetzes in Deutschland. War Hydrema bis zu diesem Zeitpunkt im Direktvertrieb nur mit vier eigenen Niederlassung präsent, setzt man seitdem auf eine Mischung von Niederlassungen und Händlern. »Diese neue Strategie mit der Kombination aus den drei Niederlassungen Nord (Fehrberlin), Mitte (Weimar) und Süd (Obertraubling bei Regensburg) mit eigenen Serviceinspektoren sowie derzeit 17 Händlern hat sich als eine gute Lösung erwiesen«, sagt Werthenbach. »Hydrema ist jetzt viel näher am Kunden.«

Neben dem Service und der Beratung sei jetzt durch die Händler auch die Vermietung wesentlich effektiver organisiert. Angestrebt werde in Deutsch­land ein Netz von 25 Händlern. »Dabei sind wir auf einem guten Weg«, sagt Martin Werthenbach und verweist beispielsweise auf die erst kurz vor dem Jahresende vereinbarte Partnerschaft mit Wienäber Baumaschinen.

»Freuen uns auf die Bauma«

Der zweite Faktor für den Optimismus bei den Hydrema-Verantwortlichen ist – neben der hohen Qualität der Maschinen – der Auftritt auf der Bauma. »Ich habe da ganz große Erwartungen«, sagt Werthenbach. Denn nur mit Grauen erinnerte er sich an 2013 zurück. »Da haben wir in München unser neues und wirklich innovatives Baggerprojekt MX vorgestellt – und kaum einen hat es interessiert. Das wird dieses Mal ganz anderes sein. Denn dank unserer Vorarbeiten und unserer Händler wird Hydrema dieses Mal auf der Bauma viel mehr Aufmerksamkeit erhalten. Und darauf freuen wir uns.«


FIRMENINFO

Hydrema Baumaschinen GmbH

Kromsdorfer Straße 18
99427 Weimar

Telefon: +49 3643 461 0
Telefax:

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